Seite:Album der Sächsischen Industrie Band 1.pdf/234

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.

unter anderen erfand er den Berylldruck und gab dadurch die Veranlassung zur Gründung vieler Etablissements in Crimmitzschau. Seyferth sorgte auf andere Art für das Aufblühen der Industrie Crimmitzschau’s. Er machte mehrere Reisen durch die berühmtesten Fabrikorte Deutschlands und suchte dort Alles für seine Fabrik Nutzbare zu sammeln und dann in Anwendung zu bringen; er gewann ferner eine Menge geschickter Tuch- und Zeugmacher, Weber und Tuchbereiter aus allen Theilen Deutschlands für die Niederlassung in Crimmitzschau.

Im Jahre 1770 trennten sich die beiden Compagnons. Oehler, der in Anerkennung seiner großen Verdienste den Titel eines Kammerraths erhalten hatte, führte die Fabrik allein fort. Er riß zwei Häuser nieder und errichtete an deren Stelle ein anderes großes Gebäude, über welches er die Ober- und Erbgerichtsbarkeit erkaufte. Die Fabrik hob sich unter ihm und seinen Erben immer mehr, behauptete fortwährend ihren großen Ruf, wie auch die Zeitverhältnisse sich gestalteten und noch heute gehört die Oehlersche Handlung zu den vorzüglichsten Deutschlands.

Seyferth etablirte auf eigne Rechnung eine Handlung für Wolle, Baumwolle, Garn, Kattun, Musselin, Mützen u.s.w. und erwarb sich nicht minder großen Ruf; doch verschwand diese Firma späterhin.

Der Einfluß beider Männer auf den Gewerbfleiß und Wohlstand Crimmitzschau’s war sichtbar. – 1794 gab es hier schon 42 Tuchmachermeister mit 100 Knappen, 8 Tuchbereiter mit 28 Gesellen, 43 Zeugmachermeister mit 46 Gesellen, 18 Leinwebermeister u.s.w. Gewiß ein starker Aufschwung in der Zeit von fünfundzwanzig Jahren, wo – wie schon erwähnt – nur 8 Tuchmacher sich hier befanden.

Noch ein anderer Industriezweig Crimmitzschau’s erwarb sich um jene Zeit großen Ruf. Es befanden sich 4 Nadlermeister hier, welche den damals berühmten englischen Knöpfen vollkommen gleichstehende, wo nicht hin und wieder sie übertreffende Waaren lieferten, und so ausgebreiteten Absatz hatten, daß sie oft die starke Nachfrage nicht befriedigen konnten. – Es ist dieses in sofern von großem Interesse, als die Deutschen dadurch schon den überzeugenden Beweis erhielten, daß bei ernstem Wollen die deutsche Industrie sehr wohl fähig sei, mit der englischen, für unbesiegbar gehaltenen in die Schranken zu treten.

Von Jahr zu Jahr hob sich die Gewerbthätigkeit der Stadt. 1832 bestanden hier 5 Streichgarnspinnereien mit 169 Arbeitern und 5800 Feinspindeln, welche sich 1852 auf 20 Spinnereien mit 15,840 Spindeln vermehrt hatten; gegenwärtig sind sie noch zahlreicher und mehrere neue im Bau begriffen. Die Zahl der Tuchmachermeister war 1852 auf 303 gestiegen und die der Zeuchmachermeister auf 208.

Crimmitzschau liefert gegenwärtig hauptsächlich wollene und halbwollene Waaren, zum Theil mit Seide gemischt, als Bukskins, Cords, Cassinets, Cachimirette, Winter- und Sommersatins, Elastiques, Mäntelstoffe, Paletotstoffe u.s.w. Auch befinden sich einige Maschinenfabriken hier.

Die älteste aller hier bestehenden Fabriken ist die des Herrn Oehler, welche in der Stadt selbst, an dem Ufer der Pleiße liegt und deren Geschichte bereits in dem Vorstehenden mit inbegriffen ist.

Die Fabrik ist gegenwärtig im Besitz des Urenkels des Gründers, Herrn Louis Oehler, welcher unter der Firma Gebrüder Oehler hier ein Wollen- und Fabrikgeschäft betreibt, während die Fabrik selbst von Herrn Heinrich Hüffer in Neukirchen erpachtet ist.

Es gehört übrigens gewiß zu den selteneren Fällen, daß ein Etablissement seit einhundertundzehn Jahren im Besitz einer Familie blieb und – wie es hier der Fall – fortwährend seinen alten Ruf behauptete.

Der umfangreiche Gebäudecomplex dieses Etablissements besteht aus

einem Vordergebäude mit Preßstube, Comptoir, Niederlagen und Wollboden der Gebrüder Oehler und Wohnungen des Fabrikdirektors und des Werkmeisters des Herrn Heinrich Hüffer;
drei zusammenhängenden Gebäuden für Spinnerei und Vorrathsräume, worin das zum Fabrikbetrieb vorhandene Wasserrad, wie auch die ganz neue Dampfmaschine befindlich;

Empfohlene Zitierweise:
Diverse: Album der Sächsischen Industrie Band 1. Louis Oeser, Neusalza 1856, Seite 226. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Album_der_S%C3%A4chsischen_Industrie_Band_1.pdf/234&oldid=- (Version vom 9.3.2019)