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Bewohner wendeten sich dem Feldbau zu, so daß man scherzend sagte: „wenn der Bauer auf dem Felde zu thun hat, ist kein Auer zu Hause.“ Dieser Feldbau konnte freilich nicht alle Hände beschäftigen, weshalb den Uebrigen, welche sich nicht mit den wenigen städtischen Gewerben beschäftigen konnten, als Waldarbeiter oder als Bergleute in entfernteren Revieren sich ihren Unterhalt zu verdienen suchen mußten; der weibliche Theil suchte sich durch Klöppeln, Ausnähen und Sticken einen Verdienst zu erschwingen. Zu dem Klöppelsack griffen im Winter auch der Männer Hände, wenn die andere Arbeit ruhte.

So verging für das Städtchen eine Reihe trauriger, oft auch recht drückender Jahre, bis endlich ein unternehmender Mann, Herr Holberg, hier an dem Ufer der Mulde eine großartige Bleich- und Appreturanstalt anlegte, die gegenwärtig im Besitz des Herrn Ernst Geßner ist und auf welche wir später speciell zurückkommen werden. Durch dieses Etablissement entstand schon ein regeres Leben in dem Städtchen, welches gleichsam neu aufzuathmen begann; nicht minderen wohlthätigen Einfluß hatte die neu etablirte Baumwollenspinnerei der Gebrüder Lauckner, so wie die gewerblichen Etablissements in dem nahen Auerhammer und endlich auch die in neuerer Zeit stattgefundene Vereinigung sämmtlicher Privat-Blaufarbenwerke mit dem in Pfannenstiel. Dadurch wurde den Bewohnern Aues lohnende und dauernde Beschäftigung geboten, der Verkehr belebte sich, so daß jetzt das Städtchen gegen früher einen erfreulicheren Anblick gewährt, nicht nur in seinem Verkehr, sondern auch in seiner äußeren Erscheinung gehoben sich zeigend. Die neu angelegte Eisenbahn von Zwickau nach Schwarzenberg, welche hier einen Bahnhof hat, wird ebenfalls das Ihrige zur Hebung des Städtchens beitragen.

Die vorhin erwähnte Baumwollenspinnerei und Maschinenbauanstalt der Gebrüder Lauckner liegt in geringer Entfernung von dem Städtchen an dem Ufer der Mulde in romantischem Thal dicht am Fuß hoher Berge und gewährt mit den sie umgebenden Gartenanlagen einen recht freundlichen Anblick.

Der Gebäudecomplex dieses Etablissements besteht aus

einem Hauptgebäude, in dem sich das Comptoir befindet und wo die Baumwollenspinnerei und der Maschinenbau betrieben wird;
dem Dampfkessel- und Dampfmaschinenhaus;
dem Wohnhaus des Besitzers;
der Hausmannswohnung und
Scheuer, so wie Stallungen für Pferde und Kühe.

In den sich an die Fabrikgebäude anschließenden Gartenanlagen, befindet sich ein geschmackvoller Gartensalon nebst Kegelbahn. Noch gehören einige Feldgrundstücke dazu.

Als Branchen umfaßt das Etablissement die Baumwollenspinnerei und den Maschinenbau. Erstere erzeugt vorzüglich Princeps in den Nummern 30 bis 40 für mechanische Webereien, die Maschinenbauanstalt aber liefert Spinnmaschinen und Theile derselben, doch meistentheils für eignen Bedarf des Etablissements.

Den Absatz finden die Gespinnste theils im Orte selbst, theils geht er in die Chemnitzer Gegend und auch in die preußischen Staaten.

Die Vorzüglichkeit der hier erzeugten Gespinnste wurde auf der Ausstellung in Leipzig 1850 durch die Verleihung der großen silbernen Medaille anerkannt.

Die Spinnerei hat gegenwärtig 6000 Spindeln, Selfactors, im Gange, welche durch Wasserkraft betrieben werden; für den Fall eintretenden Wassermangels ist als Reserve eine Dampfmaschine von 25 bis 30 Pferdekraft aufgestellt.

Der Selfactor ist von den vielfachen Verbesserungen der Spinnmaschinen unstreitig die hervorragendste,

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Diverse: Album der Sächsischen Industrie Band 1. Louis Oeser, Neusalza 1856, Seite 234. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Album_der_S%C3%A4chsischen_Industrie_Band_1.pdf/242&oldid=- (Version vom 9.3.2019)