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Der Churprinz Friedrich August Erbstolln
(Mit Abbildung.)


ist eine Grube, welche nordwestlich eine Stunde von Freiberg unterhalb des Dorfes Großschirma liegt. Sie ist die einzige Grube, welche nicht gewerkschaftlich, d. h., nicht in 128 Kuxtheile, wie jede andere, eingetheilt, sondern fiscalisch ist. Ihre Lage gehört zu den anmuthigsten der hiesigen Gegend, und ist namentlich von dem verstorbenen Oberberghauptmann von Herder zu ihrer äußeren Verschönerung durch Anlegung von einem Garten und Promenaden viel beigetragen worden. Das Huthhaus, erbaut an einem jähen Abhange des Muldenufers, hat einen Thurm mit Glocke und Uhr, und enthält eine Sommerwohnung für den jedesmaligen Oberberghauptmann, die Dienstwohnung des Obersteigers, des Huthmannes und einer Betstube für die Bergleute. Neben dem Huthhaus ist die Bergschmiede und ein Schuppen für Stallung und Aufbewahrung von Holz u. dergl. Unterhalb desselben, unmittelbar an der Mulde, sind Wäschen und Pochwerke, sowie auch ein Pochwerk neben dem Huthhaus steht. Gleich dahinter bezeichnen zwei gothische Thürmchen mit ihren hell in’s Thal tönenden abwechselnden Glockenschlägen den Ort zweier Schächte, die zu den 36 Fuß im Durchmesser haltenden Kunsträdern führen. Weiter darüber hinaus ist der Fahr- und Treibeschacht mit mehreren Scheidebänken und die Wohnung eines Untersteigers. Herrlich anzuschauen ist der Canal, welcher vor etlichen dreißig Jahren erbaut wurde, um die auf der Grube gewonnenen Erze auf die billigste Weise hinauf bis zu der eine Stunde oberhalb des Thales gelegenen Halsbrückner Schmelzhütte zu transportiren, und um ein hinreichendes Quantum Aufschlagwasser für die Kunsträder zu erhalten. Mit bergamtlicher Erlaubniß ist es gestattet, auf demselben eine Kahnparthie zu machen. Dieselbe ist sehr interessant. Von Halsbrücke weg muß man zunächst mehrere Schleußen passiren, und dann kommt man an ein Hebehaus, in welchem der Kahn mittels eines Hebezeuges mit sämmtlichen Passagieren 24 Fuß tief herabgelassen wird, um dann unten die Fahrt durch herrliche Wiesen, bei der Ruine Altväterbrücke und durch einen mehrere hundert Fuß langen Tunnel fortzusetzen bis zu der sogenannten Aufschlagsrösche, durch welche man bis zu dem ersten Kunstrad fährt, welches man von einigen Bergknappen mit einigen Lichtern erleuchten läßt. Die Grube selbst, auf welcher circa 300 Bergleute arbeiten, angeordnet von einem Obersteiger, einigen Untersteigern und Gänghäuern, ist zur Zeit nicht so gesegnet mit reichen Erzen als zu Anfang des Jahrhunderts, jedoch liefert sie ein um so größeres Quantum armer Erze, namentlich Fahlerz, welches derb in Quarz eingesprengt auf ihrem mächtigen Ludwig-Spat-Gange vorkommt. In früherer Zeit fand man hier die schönsten krystallisirten reichhaltigen Rothgiltigerze. Himmelfahrt und Churprinz sind die von Fremden am meisten besuchten Gruben; erstere wegen ihrer Bedeutsamkeit und Nähe, Letztere wegen ihrer romantischen Lage.

Albert Lindner.     
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Diverse: Album der Sächsischen Industrie Band 1. Louis Oeser, Neusalza 1856, Seite 25. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Album_der_S%C3%A4chsischen_Industrie_Band_1.pdf/33&oldid=- (Version vom 17.6.2018)