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Reichenbach im Voigtland und dessen Umgebung
in industrieller Hinsicht.


Wir betreten das Voigtland, dessen regsame Bewohner sich theils mit Ackerbau und Viehzucht – wir erinnern an die rühmlich bekannte voigtländische Rindviehrace –, theils mit Fabrikarbeit und dergleichen beschäftigen. Wir finden hier eine bedeutende Anzahl Spinnereien, mechanische Webereien und Manufakturwaarenfabriken, sowie in den höher gelegenen Gegenden aber ansehnliche Eisenwerke und nicht ohne Erfolg betriebenen Bergbau. Ehemals gab es hier selbst Goldwäschereien, namentlich in der Göltzsch, welche von diesen Wäschereien ihren Namen erhielt. Bekannt ist auch die Perlenfischerei bei Oelsnitz, welche jetzt allerdings nicht mehr so einträglich ist, aber doch oft schöne Produkte liefert, von welchen einzelne bisweilen selbst den orientalischen Perlen nahe kommen. Außerdem giebt das Spitzenklöppeln, die Holzwaaren- und Instrumentfabrikation u.s.w. zahlreichen Händen mehr oder minder lohnende Beschäftigung, und endlich giebt es hier auch viele Papiermühlen, Schneidemühlen, Pechsiedereien u.s.w., vieler andern kleinern Industriezweigen nicht zu gedenken.

Uns vorbehaltend, auch auf die übrigen in industrieller Hinsicht wichtigen Städte und Gegenden des Voigtlandes zurückzukommen, besuchen wir zuerst Reichenbach, welches mit seiner Umgegend einen unsere Aufmerksamkeit vorzüglich in Anspruch nehmenden Bezirk bildet.

Reichenbach gehört unstreitig zu den wichtigsten Fabrikstädten Sachsens, und die Mehrzahl seiner Bewohner ist bei den in der Stadt selbst, theils auch in nächster Umgebung befindlichen gewerblichen Etablissements thätig. Es liegt in schöner, etwas rauher Gebirgsgegend am Abhange eines Berges und an dem der Göltzsch zufließenden Seifenbach; in der Nähe führt die sächsisch-baierische Eisenbahn vorüber und vermittelt gleich den übrigen hier zusammenlaufenden Straßen den raschen Verkehr nach allen Richtungen. Reichenbachs Einwohnerzahl ist in Folge der immer mehr sich ausbreitenden industriellen Thätigkeit und dadurch bedingten vermehrten Arbeitskräfte, von Jahr zu Jahr im Wachsen begriffen und während es zu Anfang dieses Jahrhunderts kaum 3,500 Bewohner hatte, welche Zahl 1843 auf 6,699 und 1851 auf 7,308 gestiegen war, zählt es jetzt deren 9,127 in 928 bewohnten Gebäuden.

Reichenbach gehörte schon früher zu den wichtigsten Fabrikstädten unsers Vaterlandes und seine Erzeugnisse waren allbekannt, zum Theil selbst berühmt. – Es ist eine uralte Stadt und verdankt seine Entstehung den einst hier sich befundenen reichhaltigen Eisengruben, in deren Nähe sich Bergleute ansiedelten; auch der Seifenbach zog Bewohner an, denn in seinem Sande fand man Goldkörner, welche hier, wie in der Göltzsch, gewaschen (geseift) wurden. Wahrscheinlich hat die Stadt selbst ihren Namen von dem ehemaligen Goldreichthum des Baches, welcher jetzt allerdings gleich dem übrigen Erzreichthum der Gegend spurlos versiegt ist, kaum daß sich noch einige seltnere Minerale zerstreut vorfinden, wie grüne Topose, Granaten u.s.w.

Aus der alten, schon zu Anfang des vierzehnten Jahrhunderts der Stadt von ihrem damaligen Oberherrn, dem Grafen von Reuß ertheilten Privilegien ersieht man, daß Reichenbach schon damals ein für jene Zeit ansehnlicher und eines gewissen Wohlstandes sich erfreuender Ort sein mußte, dessen Hauptnahrungszweige außer dem Bergbau, der Feldwirthschaft und der Viehzucht, besonders Tuch- und Zeugfabrikation und Schönfärberei waren. Auch der spätere Besitzer, Kaiser Karl IV., ertheilte der Stadt mehrere ihren Handel und ihre Fabrikation betreffende Privilegien.

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Diverse: Album der Sächsischen Industrie Band 1. Louis Oeser, Neusalza 1856, Seite 324. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Album_der_S%C3%A4chsischen_Industrie_Band_1.pdf/332&oldid=3497362 (Version vom 9.3.2019)