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der ganze jährliche Verdienst nur achtzig bis neunzig Thaler beträgt; eine Frauensperson aber – wenn sie die Nacht mit zu Hilfe nimmt – bringt es die Woche auf zwanzig Neugroschen. – Ein weiterer Erwerbzweig ist das Franzendrehen und Nähen, mit dem sich gegen vierhundert Frauen und Mädchen beschäftigen. – Auch die Spitzenklöppelei wird betrieben, vorzüglich häufig im Winter, wo die Feldbeschäftigung eines großen Theils der Einwohner ruht; denn man treibt hier viel Feldbau und Viehzucht, sowie einige Torfgräberei und sprichwörtlich sagt man auch von den Schlettauern: „ist der Bauer auf dem Felde, so ist kein Bürger zu Hause.“ – Endlich findet eine bedeutende Anzahl Personen bei dem industriellen Etablissement der Firma Lohse und Naumann Beschäftigung.

Der einst so ansehnliche Bergbau um Schlettau, welcher dieser Stadt einen vorzüglichen Rang unter Sachsens Bergstädten erwarb, ist jetzt gänzlich gesunken, ja, verschwunden. Ehemals besaß die Stadt die Gruben Gottes-Gnade- und Grüner-Zweig-Erbstollen am Lauseberge, Rosenbusch-Fundgrube am Scheibenberge, so wie Sankt-Michaels-Stollen, wo die reichsten Silbererze brachen, und sich selbst gediegenes Silber und Kobalt fand; auch der edle Granat war häufig in dem dort vorkommenden Gaeus. Diese Gruben sind verfallen und die zuletzt noch bestandene Zinnwäsche mit Pochwerk ist verschwunden. – Auch die ehemals weitberühmte Bierbrauerei, welche noch 1697 594 Faß Bier braute, ist gegen sonst sehr unbedeutend geworden.

Gegenwärtig besitzt Schlettau nur zwei bedeutende industrielle Etablissements, das eine die rühmlich bekannte Flachsaufbereitungsanstalt von Friedrich Lohse, auf welche wir nächstens ausführlicher zurückkommen werden, und

die Baumwollengarnspinnerei, Bleiche und Appretur von Lohse und Naumann.

Die Gebäude dieses Etablissements zerfallen in drei getrennt liegende Complexe, von denen der ansehnlichste an dem nördlichen Ende der Stadt liegt, wo der Rothenbach sich mit der Zschopau vereinigt; seinen Mittelpunkt bildet das über alle anderen Gebäude emporragende gethürmte alte Schloß.

Dieser erste Complex umfaßt

ein großes Spinnereigebäude;
ein Bleich- und Appreturgebäude;
das zu einem Trockenhause umgewandelte alte Schloß;
ein Wohngebäude, das neuere Schloß, mit der Wohnung des Besitzers und dem Comptoir, und noch mehrere andere Gebäude zu verschiedenen Zwecken.

Gegenüber von diesem liegt der zweite Complex, bestehend aus

einem großen, schön gebauten Spinnereigebäude mit Thürmchen;
einigen Nebengebäuden und
einer Gärtnerwohnung mit Gewächshäusern u.s.w.

Entfernter endlich liegt noch

ein ansehnliches Spinnereigebäude nebst Nebengebäude.

Zusammen bestehen diese Gebäude aus

neun Hauptgebäuden und
fünfundzwanzig Nebengebäuden.

Hierzu kommen noch mehrere Mühlen und Wohnhäuser in und bei der Stadt, welche ebenfalls Eigenthum des Herrn Naumann sind.

Das Schloß – bei welchem sich auch ein Teich befindet – ist mit reizenden englischen Gartenanlagen umgeben; auch sonst gehören zu dem Etablissement noch mehrere Gärten, sowie Wiesen und Felder.

Empfohlene Zitierweise:
Diverse: Album der Sächsischen Industrie Band 1. Louis Oeser, Neusalza 1856, Seite 344. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Album_der_S%C3%A4chsischen_Industrie_Band_1.pdf/352&oldid=- (Version vom 9.3.2019)