Seite:Album der Sächsischen Industrie Band 2.pdf/210

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Die Strohflechterei hat – wie schon gesagt – bereits in alter Zeit in derselben Gegend geblüht, wo sie heut noch ihren Sitz hat; wann sie entstand, dieses ist nicht mehr zu ermitteln, doch so viel ist gewiß, daß sie schon im sechszehnten Jahrhundert hier bekannt war und es dürfte ihre Einführung vielleicht in das Ende des fünfzehnten Jahrhunderts anzunehmen sein. – In den achtziger Jahren des siebzehnten Jahrhunderts wurde ein Schullehrer aus Lockwitz nach Trebitz im damaligen Wittenberger Kreise versetzt, dessen Frau eine geübte Strohflechterin war, und diesen Erwerbszweig nach ihrem neuen Wohnorte verpflanzte, als „eine in der Gegend von Dohna seit uralten Zeiten her bekannte und einträgliche Arbeit.“ Beiläufig sei erwähnt, daß die Strohflechterei in Trebitz lange Zeit schwunghaft betrieben wurde, und in ihrer besten Zeit fünf- bis sechshundert Arbeiter beschäftigte, dann aber rasch wieder verfiel, da sie schon wegen mangelhaftem Material auf die Länge die Concurrenz mit den Waaren aus der Dresdener Gegend nicht aushalten konnte.

In den älteren Zeiten dieser Industrie fertigte man nur sogenannte Kappen, Kiepen oder Pferdeköpfe und Tyrolerhüte von ungeheurem Umfange, mit herabhängendem Rand, welche im Inlande von der ländlichen Bevölkerung stark getragen, und dann auch, in große Säcke zu hundert und mehr Stück verpackt, vorzüglich nach dem Brandenburgischen, Braunschweigischen und Niedersächsischen ausgeführt wurden; doch gingen auch nach anderen Provinzen Deutschlands starke Sendungen und durch Hamburgische Schiffe gingen Hüte von hier selbst über das Meer.

Diese Manufaktur hatte in früheren Zeiten den großen Vortheil, daß sie nicht, wie es heute geschieht, durch die allmächtige Göttin Mode tyrannisirt wurde, denn die Mode wechselte damals nicht so oft und auch dann waren in diesem Artikel nur langsame Uebergänge, also kamen die Händler auch nicht in Gefahr, daß ihre Vorräthe entweder um die Hälfte des Werthes verschleudert werden mußten, oder ganz liegen blieben, blos, weil die Form plötzlich aus dem Reich der Mode verbannt war; sie konnten immer große Lager halten und die zahlreichen großen Bestellungen in der Regel sofort ausführen. Dadurch wuchs der Wohlstand dieser Männer fast täglich, denn durch die Waare selbst entstand ihnen fast nie ein Verlust.

Anders war es freilich mit den Arbeitern und Arbeiterinnen, deren Arbeit so wenig lohnte, daß, wer andere Arbeit hatte, die Strohflechterei nur als Nebenerwerb trieb, so waren es namentlich die Wintermonate, wenn die Feldarbeit ruhte, die Feierabende, wenn die lohnendere Arbeit des Tages besorgt war, wo dann Mann und Weib, Greis und Kind, Bursche und Mädchen nach dem Strohhalme griff, um noch Etwas zu verdienen, was mit wirthschaften half. – Dieses war wenig genug, denn die fleißigste und geschickteste Nähterin oder Flechterin verdiente bei rastloser Arbeit täglich nicht über zwei Groschen.

Diesem Umstände ist es zuzuschreiben, daß wohl Alle grobe und mittelfeine Waare gut herzustellen wußten, aber, da nur Wenige andauernd Jahr aus Jahr ein bei dieser Arbeit verblieben, auch nur Wenige im Stande waren, wirklich feine und kunstreiche Arbeit zu liefern, und dem zufolge der Strohhut allein von dem Landbewohner, der unter dem breiten Rand Schutz vor Sonnenstrahlen suchte, nicht aber von den höheren Ständen getragen wurde; nur bis weilen verirrte sich eine besonders feine Flechtarbeit auf einen aristokratischen Kopf, weiteren Eingang wollte die Strohwaare aber nicht finden.

Da klagte denn der ehrliche Mag. Gerber, der zu Anfang des vorigen Jahrhunderts Pfarrer in Lockwitz war, in seiner 1711 erschienenen Schrift: „Unerkannte Wohlthaten Gottes“ gar bitter: „der Luxus der heutigen Tage setzt den Frauenzimmern lieber Gold und Seide, als Stroh auf den Kopf, und dadurch kommt das nützliche Geschäft der Stroharbeit immer mehr im Verfall.“

Trotz dieses Uebelstandes belief sich der Ertrag der Stroharbeit im Dorfe Lockwitz allein zu jener Zeit auf jährlich fünf bis sechstausend Thaler, und es war der Preis eines „klaren“ Hutes zehn bis zwölf Groschen, der eines extrafeinen höchstens einen Thaler.

Bis zu den letzten Jahren des achtzehnten Jahrhunderts blieb es mit diesem Industriezweige so ziemlich bei dem alten Gange, aber mit 1797 begann eine neue Epoche für ihn durch die Thätigkeit der Geschwister

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Diverse: Album der Sächsischen Industrie Band 2. Louis Oeser, Neusalza 1856, Seite 204. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Album_der_S%C3%A4chsischen_Industrie_Band_2.pdf/210&oldid=- (Version vom 11.5.2019)