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„Hier ruhet
Barbara Uttmann
gestorben den XIV. Januar MDLXXV.
Sie ward durch das im Jahre MDLXI von ihr erfundene Spitzenklöppeln
die Wohlthäterin des Erzgebirges.“

Auf der Rückseite aber steht:

„Ein sinniger Geist, eine thätige Hand,
Sie ziehen den Segen in’s Vaterland.“

In wie weit die Bezeichnung als „Erfinderin“ richtig ist, lassen wir dahingestellt sein, aber unbestritten bleibt ihr das Verdienst „Begründerin“ des Spitzenklöppelns im Erzgebirge und damit die nicht genug zu preisende Wohlthäterin des Erzgebirges gewesen zu sein, die es wohl verdient, daß die spätesten Geschlechter ihrer noch mit Verehrung und Dankbarkeit gedenken. – Durch das Spitzenklöppeln, welches Tausende und aber tausende von Händen beschäftigte, wurde von zahllosen Familien wenigstens der drückendste Nothstand ferne gehalten, der so oft das trotz dem im Schooße seiner Berge ruhenden Metallreichthums doch so arme Erzgebirge heimsuchte, und Hunderte von Familien haben durch den Spitzenhandel nicht nur großen Wohlstand, sondern selbst Reichthum erworben.

Noch eine sehr wohlthätige Einwirkung hatte das Klöppeln auf die Bevölkerung des Erzgebirges, sie wurde dadurch gleichsam von selbst zur Reinlichkeit im Hauswesen, an Körper und Kleidung hingeführt, da oben diese leichte, spinnwebenartige Arbeit durch nichts eher unscheinbar gemacht wird, als durch Schmutz, was dann wieder bedeutenden Einfluß auf den Lohn hat. Da suchen Klöppler und Klöpplerinnen auf das sorgfältigste jede Unreinlichkeit von sich fern zu halten, und das Kind wird schon von seinen ersten Jahren zur Sauberkeit gewöhnt.

Hin und wieder gab es allerdings auch Leute, die von der neuen Erwerbsquelle wenig erbaut sich zeigten, so der alte Historiker Jonisius (ehemals Rector der Schule zu Annaberg, dann Hofprediger in Dresden), der in seinen 1604 gedruckten „Annaberger Annalen“ sich ziemlich grämlich darüber ausspricht. Nachdem er – und das wohl nicht ganz mit Unrecht – ernstlich davor warnt, sich durch die neue Kunst nicht zu Hochmuth und Ueppigkeit verleiten zu lassen, ruft er voll heiligen Eifers aus: Wir elenden Menschen entnehmen aus Allem Stoff zum Hochmuthe, nicht beachtend, daß, wenn wir mit Gold uns schmücken, die Erde uns diesen Glanz gewähre, wenn wir mit Spitzen uns zieren, ein geringes Gras und wenn wir seidene Kleider tragen, die Würmer uns diesen Schmuck verleihen.“

Die Kunst des Spitzenklöppelns verbreitete sich – wie schon gesagt – ziemlich rasch über das ganze Erzgebirge, doch wurde anfänglich nur der Bedarf des Erzgebirges und der nächsten Landschaften versorgt, von wo sich der Absatz nach und nach über ganz Sachsen verbreitete. Die Mode begünstigte diesen Erwerbzweig und dabei war die erzgebirgische Spitze zwar nicht besser, aber doch um Vieles wohlfeiler als die Brabanter und Brüsseler und überhaupt die gestickten Spitzen.

Zu Anfang des siebzehnten Jahrhunderts verbreitete sich der Handel mit geklöppelten erzgebirgischen Spitzen auch über das Ausland, aber nicht durch eigene Thätigkeit der Erzgebirger, sondern durch Schottländer.

Des Erzgebirges Metallreichthum hatte großen Ruf durch ganz Europa erlangt und mochte wohl oft die übertriebensten Vorstellungen erzeugt haben, von der Leichtigkeit, mit welcher man hier große Reichthümer erwerben könne, ungefähr so, wie noch heute Viele durch ausschweifende Träume von unermeßlichen Schätzen nach Californien gelockt werden, obgleich das eigentliche Goldfieber längst vorüber ist. Da zogen denn aus allen Ländern Leute heran, um das Erzgebirge nach Schätzen zu durchforschen, namentlich Ungarn, Italiener (Venetianer) und Schottländer, aber die Mehrzahl dieser nach leicht zu erwerbenden Reichthümern Lüsternen mochte wohl sehr schmerzlich enttäuscht werden.

Solche Zwecke führten auch zur Zeit der Regierung des Churfürst Christian II. (1591 bis 1611)

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Diverse: Album der Sächsischen Industrie Band 2. Louis Oeser, Neusalza 1856, Seite 303. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Album_der_S%C3%A4chsischen_Industrie_Band_2.pdf/309&oldid=- (Version vom 11.5.2019)