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Rohrwerkes, sondern der Abt Vogler überredete ihn, nach Rotterdam zu reisen, um dort zu einer Orgel, die Abt Vogler daselbst bauen liess, verschiedene solcher Stimmen zu machen. Auch diesen Wunsch erfüllte Hr. R., und als er die Rohrwerke, deren Anzahl und Grösse er aber nicht angiebt, angefertigt hatte, reisete er mit dem Abt Vogler nach Frankfurt am Main, um der Krönung des Kaisers Leopold mit beyzuwohnen. Beyde logirten daselbst in einem Karmeliterkloster, wo Hr. Rackwitz zu der dortigen Orgel eine solche Stimme verfertigte und sie in die Orgel einsetzte.

Hr. R. bemerkt nun, dass nach seinem Wissen diess die ersten Rohrwerke gewesen seyen, welche nach Deutschland kamen; doch fügt er hinzu, dass es möglich wäre, dass früher schon durch eine Dame aus Liefland, welche nach dem Regenstrom reiste und ein kleines Organocordium von Kirsnick hatte, diess in Deutschland gezeigt worden wäre. Im Jahre 1791 reisete Hr. Rackwitz von Frankfurt nach Stockholm, wohin das Orchestrion des A. Vogler erst ums Jahr 1793 kam. Schon im Jahre 1791 arbeitete Hr. Rackwitz an einem Organochordion; es bestand aus einem Fortepiano mit 3 ½ Stimme Flötenbegleitung, nämlich: Gedact 8′, Flauto 4′, Rohrwerk 8′ und Fugara 8′ letztere für den Diskant; es war mit einem Schweller für das Rohrwerk und mit einem Diminuendo für die Flötenstimme versehen. Diess Instrument, das erste von ihm, wurde 1792 fertig. Der Orgelbauer Hr. Schwan, ein sehr geschickter und genauer Arbeiter, dem diess Rohrwerk sehr gefiel, erbauete zu der Zeit die Orgel der St. Nicolai-Kirche in Stockholm, und liess durch Hrn. Rackwitz für das vierte Klavier derselben verschiedene Stimmen der Art arbeiten[1].

[154] Hr. Rackwitz bemerkt nun: diese Rohrwerke haben die Eigenschaft, dass sie etwas schwächer im Ton als die mit aufschlagenden Zungen ausfallen und sehr rein im Tone sind. Er versichert, dass das über diesen Gegenstand gesagte der strengsten Wahrheit gemäss sey, und um dieses noch zuverlässiger zu machen, fügte er darüber ein Attest vom Hofrath und Organisten an der St. Nicolai-Kirche in Stockholm, Hrn. von Rosen, bey, das in schwedischer Sprache geschrieben und von Hrn. R. ins Deutsche übersetzt ist, worin diess von Hrn. R. Ausgesagte bestätigt wird.

In diesem Atteste heisst es noch: dass Hr. R. in mehrern grossen Orgeln solche Rohrwerke eingesetzt habe, dass sie im Tone gleichmässig gewesen und dass sie mit dem Schweller, wenn man ihn bis zu einem gewissen Grad angewendet, rein und klar angegeben haben. Es heisst ferner darin: Der Diminuendozug kann die Hälfte von der Stärke des Tones verschwächen, ohne dass ein Sinken desselben hörbar wird, doch ist zu bemerken, dass die allergenaueste Proportion der Zungen beobachtet werden muss, und dass sie durchaus von gleicher Masse seyn müssen; in welchem Falle ein Mundstück eher gar nicht angiebt, als es im Tone beym Gebrauche des Diminuendo fallen sollte.

Beyde Schreiben enthalten noch etwas über den Schweller und Diminuendozug, was ich bey einer andern Gelegenheit mittheilen werde.

Wollte man nun auch annehmen, dass Mehrere eine und eben dieselbe Sache erfinden können, so würden, wie aus dem Vorhergesagten hervorgeht, auch hierbey Mehrere auf die Ehre der Erfindung Anspruch machen können. So viel geht aber auch aus dem Obengesagten mit Gewissheit hervor, dass Hr. Kratzenstein als der älteste dieser Erfinder anzusehen und zu achten ist.


  1. Mit Vergnügen bezeuge auch ich, dass mir Hr. Abt Vogler, als ich ihn in den Jahren 1806 und späterhin 1809 in Durmstadt sprach, die Geschichte der Entstehung dieser Rohrwerke genau so erzählte, als ich dieselbe hier finde. Von Hrn. Abt Vogler erhielt sie, nach dessen Erzählung, der verdienstvolle Mälzel in Wien, der sie vorzüglich zu seinem Panharmonikon anwendete, mit welchem er in den Jahren 1805 bis 1807 in Paris war. – Er hatte sie vornehmlich zu den Oboen und Klarinetten und zu den Clarinotönen der Trompeten angewendet, und war auch in Paris so wenig geheimnissvoll damit, dass er diesen Mechanismus jedem gebildeten Zuhörer seiner Soirées musicales mit Vergnügen zeigte, wo auch ich sie selbst gesehen habe. [154]Ob wohl Hr. Grenié in diesen Jahren gar nicht in Paris war? – Wäre er dort gewesen, so musste er, auch als Künstler in diesem Fache, Mälzels Panharmonikon kennen lernen, und dann wäre es wohl unbegreiflich, dass er die einspielenden Zungen einige Jahre später als seine Erfindung ausgegeben hätte –? –? Bemerkenswerth ist noch, dass Hr. Mälzel bey seinen Klarinetten und Oboen keine Stimmkrücken hat – und eben so Hr. Grenié! –! –! –
    Fr. Kaufmann.
Empfohlene Zitierweise:
Wilke; Frdr. Kaufmann: Ueber die Erfindung der Rohrwerke mit durchschlagenden Zungen. Breitkopf und Härtel, Leipzig 1823, Seite 153. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Allgemeine_musikalische_Zeitung1823-90-93.pdf/3&oldid=- (Version vom 31.7.2018)