Seite:Anmerkungen übers Theater.pdf/43

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doch gemeinhin die warme Einbildungskraft des Zuschauers bey den schön aufgeputzten Worten wie beym Putz einer Hure das beste dazu thun muß – untersuchen Sie sich, meine Herren! wenn Sie aus dem Schauspielhause fortgehen, was ist das Residuum davon in Ihrer Brust? Dampf, der verraucht, sobald er an die Luft kommt. Sie merkten dem Dichter das Kunststück ab, Sie sahen ihm auf die Finger, es ist doch nur eine Komödie, sagen Sie und wer war die in der zweyten Loge? Was gilts, Sie greifen sich gar an Kopf, wenn Sie aufmerksam zugesehen haben, und ich sage Ihnen im Vertrauen, daß ein solches Stück in vollem Ernst den Kopf des Zuschauers mehr angreift als den Kopf des Komödianten und Poeten zusammengenommen. Denn er muß das hinzudenken, was –

Ja wenn noch hinter jedem Stück der Autor in selbst eigener Person aufträte, ein examen anstellte, remarques machte, die Wahrscheinlichkeit seiner Erfindungen und Träume plaidirte und Sie so per syllogismum[WS 1] dahin brächte, zu bekennen, sein Stück sey schön. So aber bleibt man noch immer im Zweifel und das ist das ärgste, was man aus einem Stück nach Hause tragen kann.

Daß ich dieses trockene Stück Räsonnement mit einem Nägelchen spicke, will ich –

Anmerkungen (Wikisource)

  1. lat., durch logischen Schluß vom Allgemeinen aufs Besondere.
Empfohlene Zitierweise:
Jakob Michael Reinhold Lenz: Anmerkungen übers Theater. Weygandsche Buchhandlung, Leipzig 1774, Seite 43. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Anmerkungen_%C3%BCbers_Theater.pdf/43&oldid=- (Version vom 31.7.2018)