Seite:Annalen der Physik und Chemie Bd 63 1844.pdf/288

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Wenn man von der wohl festgestellten Thatsache ausgeht, daß von zwei Säuren, deren Elemente vorhanden sind, die stärkere, unter gleichen Umständen, sich in Gegenwart einer kräftigen Base vorerst bildet, so kann man sich schon eine Idee machen von der Ursache des Entstehens der Verbindung welche eine stärkere ist als die Oxysulfo-Schwefelsäure. Allein da diese Verbindung keine besondere Oxydationsstufe des Schwefels ist, so muß sie gebildet worden seyn entweder durch Verbindung dieses Metalloïds mit Unterschwefelsäure oder durch die von Oxysulfo-Schwefelsäure mit Schwefelsäure. Die erste Hypothese steht im Widerspruch mit dem Daseyn der Verbindung Die schönsten Analogien widerstreben überdieß, daß man sie in Betracht nehme. Nimmt man dagegen an, diese Säure bilde sich aus der Verbindung der eben entstehenden Säuren und so ist man im Stande sich Rechenschaft zu geben von der Ursache, die sie erzeugt, und von den Erscheinungen, die ihre Bildung begleiten; und man kann sich überdieß eine Idee machen von dem Unterschiede, der hinsichtlich der Stabilität zwischen der einfach-geschwefelten Unterschwefelsäure und der Oxysulfo-Schwefelsäure vorhanden ist; diese steht zu jeder in einem beinahe analogen Verhältniß wie die Antimonsäure zur antimonigen[1].

  1. Eben so wie mehre Oxyde unter Einfluß der Wärme sich umwandeln in intermediäre Oxyde, die man als Salzverbindungen betrachtet, eben so auch giebt die Antimonsäure unter Einfluß desselben Agens Sauerstoff ab, und verwandelt sich in eine Verbindung (antimonige Säure), welche der gegenwärtige Zustand der Wissenschaft als analog diesen intermediären Oxyden zusammengesetzt zu betrachten erlaubt:

    In der That ist die antimonige Säure stabiler als die beiden sie zusammensetzenden binären Verbindungen, denn die eine ist durch bloße Wärme zersetzbar, und wenn man versucht das Antimonoxyd [278] zu reduciren, kostet es weniger Mühe als wenn man die antimonige Säure in den metallischen Zustand versetzen soll.

    Wie mehre ihm nahestehende Metalle bildet das Antimon mit Sauerstoff ein intermediäres Oxyd (antimonige Säure), welches weit löslicher ist in Wasser als das Oxyd und die Antimonsäure, welche fast unlöslich sind.

    Bisher hat man sich das Antimonsuperchlorür nicht anders verschaffen können als durch Auflösung des entsprechenden Oxyds in Chlorwasserstoffsäure. Wenn diese Lösung die Verbindung enthält, so muß sie, wie die des Antimonoxyds, das Goldchlorid reduciren, um sich in Antimonchlorid zu verwandeln; wenn aber keine Reaction erfolgt, muß das Antimonsuperchlorür ebenso wie die entsprechende Säure sehr stabil seyn, und folglich die Zusammensetzung ausgedrückt werden können durch . Aber bei dem Versuche, durch diese Mittel ein Gemenge von zwei Antimonchlorüren quantitativ zu bestimmen, hat Hr. Levol beobachtet, daß eine Lösung von antimoniger Säure in Chlorwasserstoffsäure das Gold nicht fällt.

    Derselbe Chemiker hat beobachtet, daß, wenn man Zinn und Antimon, jedes für sich, mit hinlänglich concentrirter Salpetersäure behandelt, so lange sich noch eine Reaction äußert, man darauf das Ganze vermengt und mäßig erwärmt, sich abermals rothe Dämpfe entwickeln, während das weiße Pulver gelb wird. Hr. Levol schreibt diese Erscheinung der Verbindung zu, welche das Zinnoxyd mit der Säure von der Zusammensetzung eingehe, woraus freies Antimonoxyd entspringt, das von der Salpetersäure abermals angegriffen wird (Ann. de chim. et de phys., T. I p. 504[WS 1]).

    Die Ergebnisse dieser Untersuchung, die große Analogie des Arseniks mit dem Antimon, und die besonderen Eigenschaften der antimonigen Säure, sind eben so viel Argumente gegen die Hypothese, welche dieses Oxyd als eine eigene Oxydationsstufe betrachtet. Ohne Zweifel müßte a priori bewiesen werden, daß die antimonige Säure zerlegbar ist in Antimonoxyd und Antimonsäure, ehe man annimmt, daß diese die Bestandtheile jener Verbindung sind. Aber wie bekannt hat Hr. Mitscherlich schon vor längerer Zeit gefunden, daß die antimonige Säure durch Wirkung der Alkalien zersetzt wird, und dabei unterantimonigsaure und antimonsaure Salze entstehen. Noch mehr, das saure weinsaure Kali bewirkt die Zersetzung derselben unter Bildung zweier Arten von Brechweinsteinen, und die unkrystallisirbare [279] Substanz, welche in der Mutterlauge des Brechweinsteins zurückbleibt, ist, nach Hrn. Mitscherlich’s Versuchen, eine Verbindung von Antimonsäure und saurem weinsaurem Kali (Poggendorff’s Annalen, Bd. XXXXIX S. 411[WS 2]).

    Aus allen diesen Thatsachen ist der Schluß erlaubt, daß die Verbindung nicht existirt, und das die sogenannte antimonige Säure nichts anderes ist als eine Verbindung von zwei Verbindungen, entsprechend den beiden Sauerstoffsäuren des Arseniks. Es muß also das Antimonoxyd in der Liste der chemischen Nomenclatur den Platz der antimonigen Säure einnehmen, jedesmal wenn es als Säure auftritt. Eben so existirt die Verbindung nicht, und es muß also die erste Schweflungsstufe des Antimons, als das Entsprechende der sulfarsenigen Säure, mit dem Namen sulfantimonige Säure belegt werden.

    Es ist jetzt leicht zu begreifen, woher es kommt, daß von den Verbindungen des Schwefels mit dem Antimon die erste Stufe die wichtigste Rolle in der Natur spielt.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. A. Levol: Procédé de dosage et de reconnaissance des mélanges de proto- et de perchlorure d’antimoine. In: Annales de chimie et de physique. 3. Serie, Bd. 1 (1841), S. 504 Google
  2. E. Mitscherlich: Ueber den Zusammenhang der Krystallform und der chemischen Zusammensetzung. In: Annalen der Physik und Chemie. Band 125, Joh. Ambr. Barth, Leipzig 1840, S. 401 Quellen
Empfohlene Zitierweise:
Verschiedene: Annalen der Physik und Chemie, Band LXIII. Johann Ambrosius Barth, Leipzig 1844, Seite 277. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Annalen_der_Physik_und_Chemie_Bd_63_1844.pdf/288&oldid=- (Version vom 31.7.2018)