Seite:Aus Liudprands Werken.pdf/92

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939 nicht den inwendigen Menschen betrachtete, folgende Ueberlegung bei sich anzustellen: „Alles, was ich nur fordere, werde ich ohne Zweifel jetzt vom Könige, der sich in solcher Bedrängniß befindet, erlangen können, zumal da uns ein harter Kampf bevorsteht und er befürchten muß, daß ich ihn verlasse.“ Denn nur die äußeren Umstände bedachte der Graf; der inwendige Mensch war ihm verborgen. Er schickte also Boten an den König und bat, ihm die Abtei Laresheim[1], die reich begütert war, zu überlassen, um aus deren Besitzthümern sich und seinen Kriegern verschaffen zu können, woran es ihnen jetzt mangele. Dem König aber, der nicht nur ohne Falsch wie die Tauben, sondern auch mit Schlangenklugheit ausgerüstet war, konnte die Bedeutung dieser Bitte nicht entgehen; er gab daher den Boten folgende Antwort: „Meine Meinung über diese Sache will ich dem Grafen lieber mündlich, als durch Boten mittheilen.“ Als dieses demjenigen, welcher die Botschaft abgesandt hatte, zu Ohren kam, wurde er über die Maßen froh; denn er meinte, seine Forderung sei ihm gewährt. Jeder Verzug war ihm deshalb unerträglich; er begab sich sogleich zum Könige, und bat ihn seine Entscheidung über die Sache kund zu thun. Da sprach zu ihm der König vor allem Volk: „Man muß Gott mehr gehorchen als den Menschen. Denn wer wäre wohl so einfältig nicht einzusehen, daß dieses nicht eine demüthige Bitte, sondern eine drohende Forderung von dir gewesen ist? Es steht aber geschrieben: Ihr sollt das Heiligthum nicht den Hunden geben[2]. Diese Worte werden zwar von den Lehrern der Kirche im geistigen Sinne ausgelegt; ich meine aber, daß ich nicht minder das Heiligthum den Hunden geben würde, wenn ich die Güter der Klöster, welche von frommen Männern den Streitern Gottes geschenkt worden sind, wegnehmen wollte, um sie den Streitern dieser Welt zu übergeben. Dir aber, der du

Empfohlene Zitierweise:
Liudprand: Aus Liudprands Werken. Verlag der Dyk'schen Buchhandlung, Leipzig 1890, Seite 72. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Aus_Liudprands_Werken.pdf/92&oldid=- (Version vom 8.4.2018)
  1. Lorsch am Rhein, westlich von Heppenheim.
  2. Evang. Matth. 7, 6.