Seite:Badisches Sagenbuch II 137.jpg

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.

aufgerichtet mit einem hohen Pfahl in der Mitte, an welchen die Verurtheilte festgebunden werden sollte. Eine unzählbare Volksmenge war von allen Seiten herbei geströmt. Der Pfarrer geleitete die Dulderin auf diesem ihrem letzten Gange und sprach ihr Muth ein: „Er, so dich der Qualen der Folter überhoben, kann dich auch vom Tode befreien!“ – Gertrud bewahrte ihre Heiterkeit und Ruhe.

Sie bestieg jetzt den Holzstoß und ließ sich geduldig an den Pfahl binden, während ihr Seelsorger in ihrer Nähe stehen blieb. Tiefe Stille herrschte rings im weiten Kreise der Zuschauer; in vielen Augen zitterten Thränen. Da wurde das Zeichen gegeben und der Holzstoß an drei Seiten in Brand gesetzt.

Aber plötzlich rauschte aus einer mächtigen schwarzen Wolkenmasse, die von Abend heraufgezogen war, ein gewaltiger Schlagregen nieder, der sogleich die Flammen auslöschte, und im nämlichen Augenblicke lösten sich die Bande der Jungfrau, und sie sank auf die Kniee und hob die gefalteten Hände zum Himmel. Der Pfarrherr aber rief dem versammelten Volke zu: „Seht hier das Zeichen vom Himmel! Gott hat gerichtet, denn die Menschen haben keine Macht über die Elemente!“

„Gott hat gerichtet!“ – wiederholte mit Gejubel die Menge und stürzte auf den Schloßvogt los, der nicht weit vom Scheiterhaufen zu Pferde hielt, nun aber in der schleunigsten Flucht Rettung vor der Wuth des Volkes suchte. Der Herr von Windeck jedoch ließ ihn, als ihm die Geschichte hinterbracht wurde, sogleich in denselben Hexenthurm werfen. Einige Zeit darauf fand man den Verzweifelten darin mit seinem eigenen Gürtel erhenkt.

(Al. Schreiber’s „Sagen aus den Rheingegenden etc.“ Heidelberg, 1839.)


Der Hexenthurm bei Bühl.

Das liebliche Mägdlein, – o Jammer und Graus! –
Führt klagend die Menge zum Thore hinaus.

Sie hat sich den Lüsten des Vogtes versagt,
Drob hat er sie tückisch als Hexe verklagt.

Empfohlene Zitierweise:
August Schnezler (Hrsg.): Badisches Sagen-Buch 2. Band . Kreuzbauer und Kasper, Karlsruhe 1846, Seite 137. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Badisches_Sagenbuch_II_137.jpg&oldid=3218116 (Version vom 31.7.2018)