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„So will ich zur Probe dir setzen ein Ziel,

Das selbst deinem Vater nicht dünket ein Spiel;

„Und lösest vielleicht du’s in Jahresfrist,
Dann mögest du wandern nach eignem Gelüst!“

Los reißt nun der Alte den riesigsten Stein

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Und wieget ihn erst in den Händen sein;


Er schleudert ihn hoch und es brauset die Luft,
Wild braust es das Echo durch Thäler und Kluft;

Erst jenseits des Neckar’s der Urgranit
Mit Donnergepolter herniederglitt.

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Als das der Junge vollendet sieht,

Vor Freude sein ganzes Wesen erglüht;

Er reißt einen Felsblock sich lachend los,
Noch einmal so schwer, noch einmal so groß,

Und schleudert ihn hoch – daß die Gegend erbebt –

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Auf den ersten, den er im Falle begräbt.


Als nun dieses Wunder der Vater erschaut,
Vor’m eignen Sohne dem Alten es graut.

Nachdem er noch einmal gemessen den Sohn,
Dreht stumm er den Rücken und schreitet davon.

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Und fröhlichen Sinnes, ein mächtiger Held,

Zieht jubelnd der Sohn in die weite Welt,

Wohin die beiden Riesen gewallt,
Die Kunde davon wohl nirgends erschallt.

Nur beide Felsen im kühlen Grund

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Nennt Riesenstein noch des Volkes Mund.
Heinrich Künzel.
(Aus der Gedichtsammlung: „Fliegende Blätter“ von H. Künzel. Frankfurt 1839.)
Empfohlene Zitierweise:
August Schnezler (Hrsg.): Badisches Sagen-Buch 2. Band. Kreuzbauer und Kasper, Karlsruhe 1846, Seite 545. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Badisches_Sagenbuch_II_545.jpg&oldid=3218518 (Version vom 31.7.2018)