Seite:BaumannImGottesländchen.pdf/114

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.

einige geschlossen, daß sich im Berge (besser Hügel) ein Ge­wölbe befinden müsse, das den Wuchs der Fichten hindere. Von diesem Hügel hatten wir einen schönen Ausblick auf das Tal zu beiden Seiten, sowohl auf die Kirche, das Pfarrhaus und den Krug, als auch auf das alte Schloß Alschwangen jenseit des Teiches, das sich noch zum Teil in der Gestalt erhalten hat, in welcher es 1372 vom Ordensmeister Wilhelm von Vrimersen erbaut worden ist. Diesem Schlosse wandten wir uns nun zu und betraten durch das große, gemauerte Tor den Schloßhof. Im Schlosse machte alles einen verwahrlosten Eindruck. In seinem Hauptteile wohnte jetzt der Arrendator. Im Schloßsaale trafen wir junge Mädchen und eine ältere Frau mit Handarbeit beschäftigt an. Früher hatte hier das Geschlecht der Grafen Schwerin gelebt, jetzt[1] erinnerten nur die altertümliche Fassade und die geheimen Gänge unter dem Schlosse an die alte Zeit. Über die Katholisierung Alschwangens haben sich folgende Nachrichten erhalten, die Wahrheit und Dichtung in bunter Mischung wiedergeben. Im Anfange des 17. Jahrhunderts gehörten alle Güter im Umkreise dem Grafen Ulrich Schwerin (im Volksmunde „wetzais Swiringsch" genannt). Wegen Vorranges im Kirchengestühle entzweite er sich mit einem Nachbar, gegen den er in Polen einen Prozeß anhängig machte. (Kurland stand damals unter polnischer Oberhoheit.) Dort verliebte er sich in die Tochter eines polnischen Magnaten, Barbara Konarska. Aber sowohl in seinem Prozeß als auch in seiner Liebe konnte der Graf erst dann von Erfolg sprechen, als er auf Wunsch der Geliebten zum katholischen Glauben übergetreten war. Nach Alschwangen zurückgekehrt, ging er mit

großem Eifer daran, auch seine Leibeigenen zu katholisieren,

  1. Seit mehr als hundert Jahren ist Alschwangen ein Kronsgut.
Empfohlene Zitierweise:
Edgar Baumann: Im Gottesländchen. In Kommission bei Kluge und Ströhm [et al.], Reval [et al.] 1904, Seite 106. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:BaumannImGottesl%C3%A4ndchen.pdf/114&oldid=- (Version vom 27.3.2021)