Seite:BaumannImGottesländchen.pdf/116

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hatte zwei Türme. In dem einen wohnte der Milchpächter, in dem andern fielen uns alte Malereien an der Wand auf: dies sollte der Turm sein, aus dessen Fenster sich die Gräfin damals gestürzt habe. In einem Teil des Schlosses, jetzt die Herberge genannt, wohnten die Schloßbauern. Hier erstand ich eine schöne Willaine, wie sie vor fünfzig Jahren an Festtagen in Alschwangen getragen wurden: weiß mit bunten Rändern. Beim Betrachten der Leute fiel es mir auf, daß die meisten noch kleine Ssakten und nicht Knöpfe zum Zusammenhalten ihrer Kleidungsstücke verwandten. In den Wohnräumen war die Wiege nach alter Art hängend an einer von der Lage schräg herabreichenden Stange befestigt. Auf dem Rückwege nach Reggen machten wir einen Be­such beim Müller in der Raibul-Mühle, die einer Uberlieferung zufolge im Leben des Grafen Schwerin eine traurige Rolle gespielt haben soll. Einmal sei er in Reggen gewesen und habe die dortige Besitzerin zum Uebertritt bereden wollen. Diese aber habe schon längst einen Haß gegen den Grafen gehegt und ihm eine vergiftete Speise vorgesetzt. Als der Graf gefühlt, daß er vergiftet worden, sei er rasch zu Pferde nach Hause geeilt. Unterwegs habe er im Raibul-Gehöft Milch verlangt, der Müller aber ihm diese verweigert. Bis er nach Alschwangen geritten, habe das Gift schon seine Wirkung getan, und bald darauf sei er eine Leiche gewesen. Als wir von Ssakten sprachen, wies uns der Müller einige einfache vor, welche die Ssuiten für Getreidemahlen verpfändet hatten. — Weiter führte uns der Weg über einen aus dem Grütze-See kommenden Bach. Bei Reggen suchte mein Führer das Grabgewölbe eines früheren Besitzers dieses Gutes im Walde, der von den Ssuiten für einen Zauberer gehalten worden, da er im Sommer ohne Hilfe von Pferden oder anderen Tieren mit einem Schlitten zur Besichtigung der Landarbeit aus das Feld gefahren sei. Aber der Abend nahte, die

Empfohlene Zitierweise:
Edgar Baumann: Im Gottesländchen. In Kommission bei Kluge und Ströhm [et al.], Reval [et al.] 1904, Seite 108. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:BaumannImGottesl%C3%A4ndchen.pdf/116&oldid=- (Version vom 16.2.2019)