Seite:BaumannImGottesländchen.pdf/118

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Am 28. Juli hatte der Lehrer R. die Freundlichkeit, mir auf einem Spaziergange die Sehenswürdigkeiten Edwahlens zu zeigen. Zuerst besichtigten wir die Kirche. Auf der Schwelle lag in den Boden eingelassen ein großer Grabstein, dessen Inschrift durch das allsonntägliche Gehen der Kirchenbesucher weggetreten war. Der Sage nach lag hier Johann von Behr, der aus Eifersucht seinen Bruder ermordet und vor seinem Tode die Weisung erteilt habe, ihn an dieser Stelle zu bestatten, damit zur Strafe auch seine Gebeine keine Ruhe fänden, gleichwie er zeitlebens ohne Ruhe gewesen. (Ein Blutfleck an der Wand im Turmzimmer, wo der Mord geschehen, soll noch bis vor kurzem zu sehen gewesen sein. Man habe ihn auf keine Weise vertilgen können: immer wieder sei er von neuem zum Vorschein gekommen. (Vgl. dazu Bienemanns Sagenbuch.) Das Innere der Kirche machte einen gefälligen Eindruck: die Lage war bemalt, der Altar und die Kanzel mit Holzschnitzereien verziert, die im Jahre 1697 ein Bauernwirt freiwillig geliefert haben soll. Über dem Altare stand die ernstmahnende Inschrift: „Memento mori![1] Der Tod ist gewiß, die Stunde ungewiß!“ In der reich verzierten Kirche hingen vom Gewölbe alte Standarten mit Bildnissen verstor­bener Barone von Behr herab. Vor einigen hundert Jahren soll es nämlich in Kurland Sitte gewesen sein, solche Stan­darten dem Sarge eines Edelmanns (Erbherrn) bei der Beerdignng nachzutragen, wobei unter dem Bildnis ein Lobspruch zu lesen gewesen. So wurde auf einer Fahne ein Behr als „des Vaterlandes schönste Zier“ gepriesen. — Von der Kirche gingen wir längs dem Mühlenteiche und der daran stoßenden Brennerei in den schönen lauschigen am Edolbache gelegenen Schloßpark. Dort war es wohl herrlich im Laubgange, wo

die Blätter im Winde rauschten und raschelten, während die

  1. „Gedenke des Todes!“
Empfohlene Zitierweise:
Edgar Baumann: Im Gottesländchen. In Kommission bei Kluge und Ströhm [et al.], Reval [et al.] 1904, Seite 110. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:BaumannImGottesl%C3%A4ndchen.pdf/118&oldid=- (Version vom 17.2.2019)