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Meer. Bei der Kirche ruhten die verstorbenen Gemeindeglieder, von denen mancher seinen Tod in den Wellen bei Erfüllung seines Berufes gefunden hatte. In alten Zeiten wird Rohjen ein Seeräubernest gewesen sein, denn die Kuren sind aus der Geschichte als gefürchtete Seeräuber bekannt; seine jetzigen Bewohner dagegen sind ehrliche Fischer. Die hier ins Meer fließende Rohje wies besonders flußaufwärts ganz hübsche Partien auf. Ich notierte mir dort auf einem schmalen Stege folgendes: „Die gelblichen Fluten des Flusses ziehen im Abendsonnenscheine unter mir dahin. Der steinige und schlammige Grund läßt seinen Reichtum an Fischen und Krebsen ahnen. Die hohen Flußufer sind mit Fichtenwald bedeckt; hin und wieder sieht man auch eine Birke. Vöglein piepsen. Ein Heimchen zirpt in der Nähe. Mücken spielen im Sonnenstrahle. Hellblauer Himmel mit lichtem Gewölk wölbt sich droben. Abendstille. Leises Waldesrauschen.“ Am Ausflusse der Rohje hiel­ten auf felsigen Riffen krächzende Krähen ein Stelldichein. Dort befand sich beim Kordonhäuschen eine Fähre. — 8. Juli. Unser Wirt besaß eine echte Seemannsnatur. Er war nicht groß von Gestalt, gesetzten Körperbaues, trug einen roten Seemannsbart und hatte etwas Schroffes und Rauhes an sich; doch mußte ich bei seinem Anblicke unwillkürlich an den Spruch „Rauhe Schale, edler Kern“ denken. Auch in Rohjen gab es schmackhafte Butten. Für die Nacht waren im Meere Netze ausgeworfen worden. Am Morgen wurden sie herausgezogen, doch fanden sich darin nur wenig Fische. Unter diesen fiel mir ein Meerochse auf, dessen Haut verschiedenfarbig: schwarz, gelb und rötlich, schillerte und der über dem platten Gesichte ein Paar kleine Hörner trug, was ihm wohl seinen Namen verschafft haben mag. Er war ungefähr 3/4 Fuß lang. In England, sagte unser Wirt, habe er viel größere Meerochsen gesehen. Die Engländer kannte er nur unter dem Namen „Inglischmenn“. Er war dreißig Jahre Schiffsführer gewesen,

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Edgar Baumann: Im Gottesländchen. In Kommission bei Kluge und Ströhm [et al.], Reval [et al.] 1904, Seite 55. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:BaumannImGottesl%C3%A4ndchen.pdf/63&oldid=- (Version vom 3.10.2020)