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und gegen 2 Stunden beim Pastor Brandt zu verweilen. Noch zeigte man bei dem erwähnten Baume einen Stein, auf dem sie gesessen und ein Glas Milch getrunken habe. — Ganz nahe beim Pastorate erhob sich am Meere im Fichtenwalde ein hoher Dünenberg, bei dem unten der aus dem Angernschen See kommende Schwarzbach vorüberfloß. An diesen Berg knüpft sich folgende tragische Sage. „Vor vielen Jahren lebte hier in der Nähe ein Baron Nolken. Sein junger Sohn verliebte sich in ein hübsches Bauernmädchen, was dazumal für ein großes Verbrechen galt. Oftmals trafen sich die Liebenden am Berge bei der tiefen, dunklen Schwarzbäche[1], wo sich im Gebüsch eine steinerne Bank befand. Eines Tages wurden sie dort vom Vater des jungen Edelmannes, der sie festnehmen lassen wollte, überrascht. Als sie keinen Ausweg zur Rettung sahen, suchten sie beide den Tod im nahen Bache.“ Noch sah man eine Vertiefung am Berge, wo die Steinbank gestanden haben sollte. Nach Bielenstein hat es hier zwei Schloßberge (pilskalni) gegeben. Vielleicht war der Nolkenberg einer von ihnen, wo in altersgrauer Zeit ein kurischer Seeräuberhauptmann sein Heim gehabt hat. — Von der Markgrafenschen Kirche, einer Filiale der hiesigen, erzählte man, daß sie früher vor dem Umbau durch ihren schlechten Zustand und ihre sonderbare Einrichtung bekannt gewesen sei. So z. B. habe die Kanzel über dem Altare gestanden, und den Ofen in der Sakristei ein Grapen ersetzt, in dem glühende Kohlen gehalten worden seien. — Ein Besuch galt der Angernschen Kirche. Ihr Inneres entsprach durchaus ihrem Äußeren: es war ebenso schlicht und freundlich. Ein Ölgemälde über dem Altare

zeigte die Szene aus Christi Leben, wo er dem sinkenden Petrus

  1. In Kurland hat sich noch bis heutzutage in gewissen Kreisen die alte Form „Bäche" für Bach erhalten. So z. B. wird noch jetzt in Mitau die Drixe, ein Nebenarm der Aa, „die Bäche“ genannt: auch bei Goldingen gab es eine „olden Веkе“.
Empfohlene Zitierweise:
Edgar Baumann: Im Gottesländchen. In Kommission bei Kluge und Ströhm [et al.], Reval [et al.] 1904, Seite 63. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:BaumannImGottesl%C3%A4ndchen.pdf/71&oldid=- (Version vom 2.2.2019)