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Mann kenne und in sittlicher Hinsicht nichts gegen das Blatt einzuwenden hätte. — Gut Zehren besaß einen ansehnlichen Park und ein schönes Herrenhaus. Beim Friedhofe standen zu beiden Seiten des Einganges große, schöne Trauereschen. Hinter diesem Gute wurde die Gegend ebener: man konnte weithin über die niedrig gelegenen Wälder in die Ferne schauen, wo sich am Himmelsrande im Nebelgeflimmer der Kandausche Kirchturm zeigte. Hinter größeren Wäldern kreuzten wir die Tuckum-Talsener Chaussee. Drei Werst vor Kaudau lag links das Gesinde Wehwern, wo sich der charakteristische große Backofen einer Ziegelei erhob. Bald darauf blickte man hinab aus das nach Puhren hin weit zu überschauende Abautal. Wir passierten noch die freundlich gelegene Liegensche Wassermühle und fuhren dann auf der Landstraße parallel der Abau im herrlichen Tale Kandau zu.


Wieder im Abautale.

Kandau. In der Nähe von Amt-Kandau trennten wir uns, und ich stieg einen hohen grünen, an den Seiten steil abfallenden Berg hinan, dessen abgerundete dreieckige Form unschwer einen heidnischen „pilskalns“ [1] erkennen ließ. Auf

  1. Über diese in baltischen Landen zahlreichen Schloßberge („pilskalni“) sagt der dim. Volksschulinspektor Treuland (Brihwsemnieks) in seinen 1887 in russischer Sprache herausgegebenen „Lettischen Ortssagen“ an einer Stelle folgendes, das von allgemeinerem Interesse ist: Die Schloßberge waren zur heidnischen Zeit mit Befestigungen versehen und haben den Bewohnern der Umgegend als Zufluchtsort bei feindlichen Überfällen gedient. Man nimmt an, daß sie zum Teil damals auch Opferstätten gewesen seien und daß auf ihnen oder in ihrer Nähe die Priester des Pährkuon (des alten lettisch-litauischen Donnergottes) ihren Wohnsitz gehabt haben. Gegenüber diesen „Schloßbergen“ der baltischen Eingeborenen erbauten gewöhnlich die deutschen Eroberer ihre Ritterburgen, deren Ruinen gleichfalls noch an so vielen Stellen in den baltischen Provinzen zu sehen sind. Mit diesen Schloßbergen ist fast überall in Lettland die Sage verknüpft, daß auf ihnen entweder ein Schloß der Eingeborenen oder ein Heiligtum gestanden habe. Infolge eines Zaubers sei das Schloß oder das Heiligtum in die Erde versunken. Noch vor einigen Jahren, sagt man, sei der „Rauchfang“ des Schlosses zu sehen gewesen. Knaben hätten zuweilen in diese Öff­nung Steinchen geworfen, die hinabfallend einen dumpfen Widerhall erzeugt hätten. Einmal habe man auch in das unterirdische Schloß einen Menschen hinuntergelassen, aber bis man ihn wieder herausgezogen, hätte er die Sprache verloren. Aus dieser Öffnung des versunkenen Schlosses seien auch um die Mittagszeit, am Abend und um Mitternacht kleine, hübsche Jungfrauen hervorgekommen, die vom Volke „heilige Jungfrauen“ genannt werden. Die alten Schlösser der Eingeborenen sollen sich wieder einst aus der Erde erheben. Das werde dann geschehen, wenn der rechte Mann das rechte Wort spreche, wodurch der Zauber gelöst würde.
Empfohlene Zitierweise:
Edgar Baumann: Im Gottesländchen. In Kommission bei Kluge und Ströhm [et al.], Reval [et al.] 1904, Seite 71. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:BaumannImGottesl%C3%A4ndchen.pdf/79&oldid=- (Version vom 3.2.2019)