Seite:Bilder und Sagen aus der Schweiz I.pdf/110

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Liste.png Jeremias Gotthelf: Die schwarze Spinne. In: Bilder und Sagen aus der Schweiz, Band 1

Tigerin gleich, der man die Jungen geraubt, es glaubte an den schändlichsten Verrath. Es achtete sich seines Winkens nicht, hörte nicht die Worte aus seiner keuchenden Brust, stürzte in seine vorgestreckten Hände, klammerte an sie sich an; in Todtesangst muß er die Wüthende schleppen zum Hause herein, muß frei die Arme kämpfen, ehe es ihm gelingt, ins Loch die Spinne zu drängen, mit sterbenden Händen den Zapfen vorzuschlagen. Er vermags mit Gottes Hülfe. Den sterbenden Blick wirft er auf die Kinder, hold lächeln sie im Schlafe. Da wird es ihm leicht, eine höhere Hand schien seine Gluth zu löschen, und laut betend schließt er zum Tode seine Augen, und Frieden und Freude fanden die auf seinem Gesichte, die vorsichtig und angstvoll kamen, zu schauen, wo das Weib geblieben. Erstaunt sahen sie das Loch verschlagen, aber das Weib fanden sie versengt und verzerrt im Tode liegen; an Christens Hand hatte sie den feurigen Tod geholt. Noch standen sie und wußten nicht, was geschehen war, als mit dem Kinde das Bübchen wiederkehrte, vom Priester begleitet, der das Kind schnell getauft nach damaliger Sitte, und wohlgerüstet und muthvoll dem gleichen Kampfe entgegen gehen wollte, in dem sein Vorgänger siegreich das Leben gelassen. Aber ein solch Opfer forderte Gott nicht von ihm, den Kampf hatte schon ein Anderer bestanden. Lange faßten die Leute nicht, welch große That Christen vollbracht. Als ihnen endlich Glaube und Erkenntniß kam, da beteten sie freudig mit dem Priester, dankten Gott für das neu geschenkte Leben, und für die Kraft, die er Christen gegeben. Diesem aber baten sie im Tode noch ihr Unrecht ab, und beschlossen mit hohen Ehren ihn zu begraben und sein Andenken stellte sich glorreich wie das eines Heiligen in Aller Seelen.

Empfohlene Zitierweise:
Jeremias Gotthelf: Die schwarze Spinne. In: Bilder und Sagen aus der Schweiz, Band 1. Jent & Gaßmann, Solothurn 1842, Seite 106. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Bilder_und_Sagen_aus_der_Schweiz_I.pdf/110&oldid=- (Version vom 31.7.2018)