| Hermann Köchly: Brief aus Brüssel | |
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daß er keine Minute länger warten könnte, den Zettel vor und ließ ihn von uns, meines Wissens von den Juristen zuerst, unterschreiben. So hat auch Richter, mit einem ganz anderen Gegenstande, denn er protokollirte, beschäftigt, den Zettel, ich erinnere mich nicht mehr, ob auf meine oder anderer Versicherung, daß die Sache in Ordnung sei, unterschrieben, ohne seine Stellung zu verändern, ohne ihn auch erst zu lesen. Ich begreife übrigens gar nicht, was die Unterschrift dieses Zettels Strafbares sein könne. Die Juristen versicherten – und es scheint sich das von selbst zu verstehen – daß es erlaubt sei, eine andere Bürgerwehr zur Aufrechthaltung der Ruhe und Ordnung und zur Verhinderung von Gewaltthätigkeiten herbeizurufen. Wenn Du über den mir unerklärlichen Zusammenhang etwas sicheres erfahren solltest, so theile es mir mit. Das bin ich fest überzeugt, wenn Richter nur das und ähnliches gethan hat, so würden ihn Geschworene jeder Partei freisprechen. Geschworene würden nicht unbeachtet lassen, daß Richter sein Lebelang sich von Politik fern gehalten und nicht darum gekümmert hat, und nur durch die auf ihn gefallene Wahl der Stadtverordneten moralisch gezwungen worden ist, sich zum Besten der Stadt zu betheiligen. Aber freilich: Geschworene richten über den ganzen Menschen nach menschlichem Ermessen und Gewissen, der Inquisitionsrichter über die nackte That nach dem Buchstaben des Gesetzes.
Es gibt sicherlich kein Land in Europa, wo die Einigkeit zwischen Fürst und Volk durch die Ereignisse des vorigen Jahres so fest zusammengeschlossen, kein Land, wo man aufrichtiger royalistisch wäre, als Belgien. Wodurch aber? Dadurch, daß der König sich nicht einbildet, der Besitzer einer absonderlichen, ihn persönlich zukommenden Souveränetät zu sein, die er, so oft es ihm beliebt, dem Volke als Hemmschuh entgegenstellt; daß der König unveränderlich sich nur als den Träger und Vollstrecker des gesetzlich ausgesprochenen Volkswillens betrachtet; daß er nicht eine adelige Kamarilla von Hofschranzen und Lakaien zwischen sich und dem Volke sich eindrängen läßt. Ein Beispiel aus den letzten Tagen. Der Gouverneur der königlichen Prinzen, ein Graf, fährt vor kurzem von Brüssel nach Laken. Auf der Chaussee vor ihm marschirt ein Bataillon garde civique. Das adelige Vollblut, dem das zu langsam geht, verlangt, daß die Reihe des Bürgermilitärs sich der hochgräflichen Karosse öffne und da man nicht gleich willfahrt, so laßt er einige Worte über die soldats de dimanche fallen. Der Bataillonskommandant ist endlich so schwach, ihn durchzulassen. Was geschieht? Der König läßt den Grafen zu sich kommen und sagt zu ihm: „Indem Sie sich des Ausdrucks „Sonntagssoldaten“ bedienten, haben Sie sich einer doppelten Insolenz schuldig gemacht, einmal gegen die garde civique, welche die Soldaten der Ordnung und Freiheit sind, sodann gegen die braven Leute, welche die Woche über arbeiten und des Sonntags feiern; denn das sind die Besten – ce sont les meilleurs. – Einem Manne mit solchen Grundsätzen kann ich nicht
Hermann Köchly: Brief aus Brüssel. Roempler, Dresden 1849, Seite 7. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Brief_aus_Br%C3%BCssel.pdf/9&oldid=- (Version vom 9.5.2025)