Wollest mir auch zu wissen thun, ob es war sei, daz man hie von einem grosen wetter sagt, daz drausen soll gewesen sein und den steinen, die es sol geworffen haben, ob es noch sol so deür draussen sein, als vorhin, wie das obst im garten ist geraten und von andern neuen zeittungen, die draussen gesagt werden. solches wider umb dich zu verdienen, bin ich allzeit willig und dienstlich. damitt sei gott bevolhen. grus von meinettwegen den vetter Helt[1], herrn docktor Flick[2], die onfrau[3], Katharina und andere gutte freundt. datum zu Leipzick den 22. Julii anno 74.
Aussen:
Meiner lieben schwester
Sabina Behaimin zukomme
der brieff zu eignen handen in
Nurmberg.
25.
Kindtliche lieb und treu zuvoran. hertzliebe mutter, dein sampt des gantzen hausgesindts und anderer gutter freundt gesundtheit und glucklich wolfart wer mir die gröste freudt zu vernemen. wiss mich, gott dem allmechtigen sei danck, auch noch in frischer gesundtheit und wolfart. gott der allmechtige geb sein gnadt weitter. amen. Liebe mutter, dein nechstes[4] schreiben hab ich empfangen, aber so baldt nicht drauff antworten konnen, denn ich baldt hernach, als ich geferten hett, mich gen Wittenberg begeben und dazselbig besehen. alda bin ich zu Caspar Reach[5] ein- gezogen und im deinen gruss angezeigt. dan hatt er mir alles gutts bewiesen und alle andere meine alte schulgesellen und landtsleuten also, daz ich kaum in 8 tagen bin von inn komen. hab auch unter des Jeremias Imhoff[6] besucht, dieweil mir Caspar Reach, der in seines schwehers haus wonett, anzeigett, daz er vor kurtzen tagen todt kranck wer gewesen. aber er itzundt, wie mich bedunckt, zu bussen anhebt und allererst gedenckt, was er gethan hatt. es hangt im noch wol an, daz er gern spielt, saufft und bei gutten gesellen ist. aber sein schweher im zu aller hinderst im haus ein kleines stubigen eingegeben hatt, da er mitt seinem weib wonett, der ursach halben, damitt er nicht, so er an die gassen herauss wonett, möcht gutte gesellen zu im ruffen, mitt den er pancketirt, welchem sein schweher sehr zuwider ist. aber er kans doch nicht lassen zumal daz spielen, thutt auch sonst nichts, den daz er spielt. sein weib, so es zu allererst gewesen ist, wie ichs gesehen hab, ist er furwar sehr blindt in der lieb gewesen, den er die jungst und auch die unfletigst genomen hatt, die da eben so viel macht als er. bin wol 2 mal allzeit zu frue umb 8 stundt auff unser uhr[7], daz ist 2 stundt vor essenzeit, zu im komen, da ich sie allzeit noch im betth hab gefunden. zu zeitten, wen sie es ankombt, so neth sie ettwas. aber sie sich sehr freundtlich, wie den vatter, mutter und schwester, gegen mir stellett, dieweil sie sahen, daz ich dem Jeremias ettwas zukerett. auch Jeremias selbst batt mich auff den sontag, welcher ist der 8. dises monats, zu gast, da ich dan im solches nicht abschlagen köndt. redeten da von allerlei dingen, vor andern aber sagt er mir, wie es im zu Nurmberg, wie er da gewesen, ergangen wer, wie man ime hett auff den thurn gelegt und was auch Endres Imhoff[8] daselbst bei im gethan hett, mehr, dan seine andere freundt alle. weissete mir wol 24 brieff, die im Endres Imhoff mitt eigner handt geschrieben hett. helt sich sehr stadtlich mitt kleidern. am wercketag ist sein kleidt: gantze sammete pumphosen und ein rodt atlas wammes, am sontag: ein gelb damascat[9] kleidt. sein schweher und schwiger sein furwar feine, fromme, ehrliche leutt, haben auch ein sehr grose und stadtliche freundtschafft, insonderheit ein doctor der artznei, Schönborn[10] genandt, hatt Jeremias weibs schwester. Jeremias schweher ist Bernbeck genandt. hatt mir furwar alle freundtschafft bewiesen, wie dann alle meine bekandte und darzu mich also tractirt, daz ich kaum ein tag bin nuchtern gewesen. desgleichen Tetzel, Simon Tetzels son[11] am Dilinghoff[12] hatt mich auch zu gast gehabt und mich sonst mitt Caspar Reach in der stadt herumb gefurt, mir daz furnembste gewiesen, als thurn, schlosskirchen, das begrebnus Martini Luthers und Philippi Melanchtonis,
Paulus Behaim: Briefe eines Leipziger Studenten aus den Jahren 1572 bis 1574. C. E. Klinkicht & Sohn, Meissen 1880, Seite 16. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Briefe_eines_Leipziger_Studenten_(1572-1574).pdf/24&oldid=- (Version vom 2.10.2025)
- ↑ [Ξ] 23) der Losungschreiber Sigmund Held, welcher Juliana Römer, die Schwester der Mutter Paul Behaims, zur Frau hatte; vgl. ihre Genealogie (Held-Hagelsheimer. Hdschrft des germanischen Museums).
- ↑ [Ξ] 45) Dr. jur. Bartholomäus Flick (Flück) findet sich als Genannter, d. i. Mitglied des grösseren Rathes, von 1566 bis 1594. Er war in erster Ehe mit einer Römer verheirathet gewesen und somit ein Verwandter der Behaimischen Familie. Roth, Verzeichniss aller Genannten S. 88. Hummel, neue Bibliothek 3, 109. Nopitsch, handschriftlicher Supplementband zu seinen Nachträgen zu Wills Gelehrtenlexicon (königl. öff. Bibliothek zu Dresden).
- ↑ [Ξ] 11) Grossmutter. Magdalena Römer, eine geborne Welser. Sie hatte sich 1525 mit Georg Römer, Assessor am Land-, später am Stadtgericht verheirathet und starb hochbetagt 1582. Will, Münzbelustigungen 4, 246 n. f.
- ↑ [Ξ] 47) nechst weist sowohl auf Vergangenes (=jüngst, letzt), als auf Folgendes hin. Schmeller 1, 1735.
- ↑ [Ξ] 38) Caspar Reh (in den Behaimischen Briefen auch Rech, Reach, Reah geschrieben) studierte in Wittenberg Theologie und wurde 1575 Pfarrer in dem nürnbergischen Dorfe Ezelwang. Nürnbergisches Zion S. 91.
- ↑ [Ξ] 95) fehlt bei Biedermann. Nach gef. Mittheilung des Herrn k. k. Majors Freiherrn von Imhof war er der dritte Sohn des Sebastian (II) Imhof und dessen erster Frau Magdalena Ebner. Mit 18 Jahren bezog er die Universität Wittenberg, wo er im Hause des Stadtrichters Andreas Warbeck Unterkunft fand, dessen Tochter Anna er, freilich wider den Willen seiner Familie, 1572 heirathete. Erst 1577 kehrte er nach Nürnberg nach erfolgter Aussöhnung zurück, wurde Mitglied des grösseren Rathes, später Land- und Bauerngerichtsassessor und starb 1587.
- ↑ [Ξ] 96) d. i. der sogen. kleinen (jetzt üblichen) Uhr. Das Mittagessen wurde demnach zwischen 10 und 11 Uhr gehalten, wie noch in manchen Gegenden auf dem Lande. Schmeller 1, 1691.
- ↑ [Ξ] 97) der Rathsherr Andreas (II) Imhof. Biedermann, tab. 247.
- ↑ [Ξ] 98) il damasco, der Damask, Damast. Schmeller 1, 506.
- ↑ [Ξ] 99) Barthel Schönborn, Professor der Medicin in Wittenberg (Jöcher).
- ↑ [Ξ] 100) Simon Tetzel unauffindbar; der Schreiber mag sich im Vornamen geirrt haben.
- ↑ [Ξ] 101) jetzt Aegidienplatz. Der Tetzelhof war S. 757. Vgl. Lochner, topographische Tafeln.