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Liste.png Stefan Zweig: Buchmendel – Eine Erzählung

habent sua fata libelli – war als letztes Vermächtnis des hingegangenen Magiers zurückgefallen in diese abgemürbte, rot aufgesprengte, unwissende Hand, die wohl nie ein anderes als das Gebetbuch gehalten. Ich hatte Mühe, meine Lippen festzubeißen gegen das von innen drängende Lächeln, und dies kleine Zögern verwirrte die brave Frau. Ob’s am Ende was Kostbares wär’, oder ob ich meinte, daß sie’s behalten dürft’.

Ich schüttelte ihr herzlich die Hand. „Behalten Sie’s nur ruhig. Unser alter Freund Mendel hätte nur Freude, daß wenigstens einer von den vielen Tausenden, die ihm ein Buch danken, sich noch seiner erinnert.“ Und dann ging ich und schämte mich vor dieser braven, alten Frau. Denn sie, die Unbelehrte, hatte ein Buch bewahrt, um seiner besser zu gedenken, ich aber, durch tieferen Zusammenhang ihm verpflichtet, ich hatte Buchmendels jahrelang vergessen, ich, der ich wissen sollte, daß man Bücher nur schafft, um über den eigenen Atem hinaus sich Menschen zu verbinden und uns so zu verteidigen gegen den unerbittlichen Widerpart alles Lebens: Vergänglichkeit und Vergessensein.



Empfohlene Zitierweise:
Stefan Zweig: 'Buchmendel – Eine Erzählung'. In: Neue Freie Presse, Wien, 1. November 1929, Seite c2. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Buchmendel.pdf/31&oldid=- (Version vom 31.7.2018)