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gesteigert, waren doch bei einem Besuche, den August der Starke 1732 den Bauten in der Neustadt abstattete, dort allein gegen 2000 Künstler und Arbeiter in Thätigkeit. Eine geschäftige Menge drängte sich in den Strassen, und durch sie hindurch bahnten sich die Lastfuhrwerke mit Baumaterial und Waaren, die Reisewagen der herbeiströmenden Fremden, die Portechaisen der Vornehmen ihren Weg, während den Karrossen des hohen Adels und den sechsspännigen Staatskutschen des Hofes mit ihren Vorreitern und Läufern alles grüssend Platz machte. Ging es bei der Abwesenheit des königlichen Hofes in Polen hier etwas stiller zu, so ward es bei seiner Rückkehr um so lebendiger in der Stadt. Züge von Kameelen und Maulthieren mit Mohren und anderem fremden Volke brachte der Hofstaat mit sich; Kavaliere aus allen Ländern Europas kamen herbei, um die Freuden eines glänzenden Hoflebens mitzugeniessen. Zu jedem Karneval, bei jedem fürstlichen Besuche, bei jeder Verlobung, jeder Vermählung, jeder Kindtaufe am Hofe veranstaltete der König wochenlang dauernde Festlichkeiten, und diese spielten sich nicht bloss im Schlosse ab, sondern die Maskenfeste und Wirthschaften wurden öffentlich im Zwinger, im Stallhofe, auf dem Altmarkte abgehalten, die Aufzüge zu den Ringrennen, die Schlittenfahrten mit all ihrem bunten Aufputz bewegten sich durch die Strassen der Stadt, und auch in nächtlicher Stunde fand die Schaulust des Volkes in Illuminationen und Feuerwerken Befriedigung. Dazu die Paraden eines zahlreichen, prächtig uniformirten Militärs, die häufigen Festaufzüge der bei dem herrschenden Luxus blühenden Handwerke, die Schaustellungen des herbeiströmenden Volkes der Komödianten, Klopffechter, Seiltänzer, Gaukler und Bärenführer – kurz, es war ein Leben, wie es nur der leichte Sinn jenes genussfreudigen Geschlechts hervorzubringen vermochte, wie es aber auch vor dem kalten Windhauch ernster Ereignisse sofort verschwinden musste.

In diese kunst- und lebensfrohe Welt stellt die Mehrzahl der hier dargebotenen Blätter uns hinein. Etwas Neues ist es nicht, was sie bringen, im Gegentheil, unsre Stadt hat keine bildlichen Darstellungen aus ihrer Vergangenheit aufzuweisen, die so altbekannt, aber freilich auch keine, die so schön und inhaltreich wären wie die Gemälde Canalettos. Länger als ein Jahrhundert schon sind sie die Freude der heimischen Kunstkenner und Geschichtsfreunde gewesen, und nachdem man neuerdings eine verkehrsreiche Strasse dem Künstler zu Ehren benannt hat, ist sein Name auch noch volksthümlich geworden. Und er verdient es: was er geschaffen hat, wird nie veralten und immer neuen Geschlechtern Genuss und Anregung bieten.

Von dem Lebensgange und der Thätigkeit Canalettos sind nur dürftige Nachrichten auf uns gekommen: Julius Meyer hat sie in einem vortrefflichen Aufsatze seines Künstlerlexikons (3. Band, Leipzig 1885), dem wir hier im Wesentlichen folgen, zusammengestellt.

Bernardo Belotto war am 30. Januar 1720 zu Venedig geboren. Ein Neffe und Schüler des schon bei seinen Lebzeiten berühmten venezianischen Architekturmalers Antonio da Canale genannt Canaletto, dessen Beiname auf ihn überging, wandelte er anfangs ganz in dessen Bahnen, hat sich aber später zu selbständiger Meisterschaft emporgeschwungen. Nach Beendigung seiner Lehrzeit in Venedig begab er sich um 1740 zu weiterer Ausbildung im Architekturzeichnen auf einige Jahre nach Rom und arbeitete dann in verschiedenen Städten Oberitaliens; aus dieser Zeit sind von ihm mehrere Gemälde vorwiegend landschaftlichen Charakters in Turin und Mailand erhalten. Hierauf verliess er auf immer sein Vaterland und siedelte nach Deutschland über. Um 1745 scheint er sich zunächst in München aufgehalten zu haben; darauf deutet eine in der dortigen Pinakothek vorhandene grosse Ansicht dieser Stadt hin.

Seit 1747 finden wir den Künstler in Dresden. Wahrscheinlich hatte ihn hierher nicht der König, sondern dessen Minister und Günstling Graf Brühl berufen. Für dessen neuerbautes Palais malte er in den Jahren 1747 bis 1755 21 grosse Bilder mit Ansichten von Dresden und Pirna. Bei Brühls Tode 1763 war aber noch kein einziges bezahlt; sie wurden vom Hofe angekauft und dem Künstler dafür ein Honorar von 4200 Thalern, durchschnittlich also 200 Thaler für das Bild, bewilligt. Daneben war Canaletto jedoch auch unmittelbar vom König August III. beschäftigt worden und führte schon 1748 den Titel eines Hofmalers; fünf von den in der königlichen Galerie befindlichen Bildern mit Ansichten von Dresden wurden 1751 von ihm unmittelbar dahin geliefert.

Im Jahre 1758 wurde er vom kaiserlichen Hofe nach Wien berufen, um dort Ansichten von der Stadt und den kaiserlichen Schlössern zu malen; 13 von diesen Gemälden sind noch in den Wiener Museen vorhanden. Dann scheint er, bevor er nach Dresden zurückkehrte, im Auftrage des Königs etwa zwei Jahre in Warschau gearbeitet zu haben. 1764 wurde er mit einem Jahresgehalte von 600 Thalern als Lehrer der Perspektive an der neu eröffneten Dresdner Akademie der Künste angestellt; da er der deutschen Sprache ganz unkundig war, bediente er sich beim Unterrichte der Hülfe seines Sohnes. Der Künstler befand sich hier in fortwährender Geldnoth und erhielt deshalb 1765 eine Gratifikation von 200 Thalern gewährt, wurde aber dabei auch an seine Verpflichtung zu unentgeltlicher Ablieferung eines Gemäldes erinnert; als solches ward die Ansicht des eingestürzten Kreuzthurms übernommen. Da er seiner Schulden wegen den Wunsch hatte, seine Kunst anderwärts reichlicher zu verwerthen, wurde ihm Ende 1766 ein Urlaub nach St. Petersburg bewilligt. Er ging nach Warschau und erhielt auf erneutes Bitten den Urlaub mit Gehalt bis Ende 1767 verlängert, 1768 aber wurde ihm seine Entlassung zugestellt. (Vergl. M. Wiessner, die Akademie der bildenden Künste. Dresden 1864). Nun blieb er in Warschau als Hofmaler des Königs Stanislaus II. August und hat dort neben zahlreichen Architekturbildern auch das zur gräflich Raczynskischen Sammlung in der Nationalgalerie zu Berlin gehörige grosse Gemälde von der Wahl des Königs Stanislaus geschaffen, das auf der rechten Seite unter vielen Portraits auch den Künstler selbst, in rother Kleidung, darstellt.[1] In Warschau ist er am 17. Oktober 1780 gestorben. – Ausser den genannten befinden sich noch viele Gemälde und Federzeichnungen von seiner Hand in verschiedenen Galerien und Privatsammlungen, so in Darmstadt, Frankfurt a. M., Schwerin, St. Petersburg, Brüssel, im Haag, und zwar meist venezianische Ansichten, in der Sammlung Liechtenstein zu Wien aber auch zwei kleinere Ansichten von Pirna und vom Königstein.

Canalettos Werke weisen ihm einen Platz unter den besten Architekturmalern aller Zeiten an. J. Meyer rühmt an ihnen die „Sorgfalt der Ausführung, die frei von aller Peinlichkeit ist und vielmehr die grössten Schwierigkeiten spielend zu überwinden scheint; daher bei liebevoller Vollendung eine Breite der Behandlung, eine Leichtigkeit der Hand, die den befreienden Eindruck eines ganz mühelosen Schaffens macht; dazu endlich ein Gefühl für Gesammtwirkung, welches alles Kleinste nicht sowohl unterordnet als zur Fülle und Lebendigkeit des Ganzen mitsprechen lässt, indem es die naive Freude an der köstlichen Sauberkeit des Details offen bekennt“. Meyer sagt weiter: „Für die malerische Behandlung der architektonischen Formen und Linien lässt sich eine geeignetere Art kaum denken. Man hat behauptet, dass Belotto sich der Camera obscura bediente, um in seine architektonischen Veduten jene Klarheit und Sicherheit, sowie jene Richtigkeit der Perspektive zu bringen, welche in der That der Bestimmtheit der Photographie nichts nachgiebt. Dem mag so sein; allein nur ein malerisch angelegtes Auge war im Stande, dieses in festen Linien gezeichnete Bild in Bewegung und Fluss zu bringen, gleichsam den flüchtigen und doch vollen überzeugenden Schein des Lebens darüber auszubreiten. Dazu bedurfte es der Künstlernatur, die


  1. Dieses Selbstbildniss ist auf dem Titelblatte wiedergegeben.
Empfohlene Zitierweise:
Otto Richter (Archivar): Canaletto-Mappe. Wilhelm Baensch, K. S. Hofverlagsbuchhandlung, Dresden 1895, Seite 4. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Canaletto-Mappe_(Otto_Richter).pdf/4&oldid=- (Version vom 31.7.2018)