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Getheilt in Staunen und in Freudigkeit.

43
Gleichwie ein Pilgrim, der sein lang Begehren

Im Tempel des Gelübdes, schauend, letzt,
Und hofft von ihm einst Andre zu belehren;

46
So war ich, zum lebend’gen Licht versetzt,

Den Blick, lustwandelnd, durch die Stufen führend,
Jetzt auf, jetzt nieder und im Kreise jetzt.

49
Gesichter sah ich hier, zur Liebe rührend,

In fremdem Licht und eignem Lächeln schön,[1]
Geberden, sich mit jeder Tugend zierend.

52
Im Allgemeinen konnt’ ich schon ersehn,[2]

Wie sich des Paradieses Form gestalte,
Doch blieb mein Blick noch nicht beim Einzlen stehn;

55
Und da mir neuer Wunsch im Herzen wallte,

So kehrt’ ich, um zu fragen, mich nach Ihr,
Wie das, was ich nicht einsah, sich verhalte?

58
Sie fragt’ ich, und ein Andrer sprach zu mir.[3]

  1. [50. Im göttlichen Licht.]
  2. [52 ff. 54. Ein Beweis für unsre, in der Vorbemerkung zu Ges. 30 gegebene Gedankenentwicklung, wornach die II. Stufe diejenige der Einzelverarbeitung des in Ges. 30 begründeten, unmittelbaren Schauens ist.]
  3. [58–93. Diese letzte Cardinalstelle für die Auffassung der Beatrix und insofern des, sie betreffenden, Sinnes der ganzen göttl. Kom., enthält, wenn man besonders die Verse 58, 67 ff., die Worte V. 79 ff. nebst Ges. 32, V. 9 zusammenhält deutlich zwei Momente: 1) Beatrix ist neben Dante plötzlich verschwunden; 2) Beatrix zeigt sich plötzlich wieder, oben unter den seligen Menschengeister der Rose. – Man wird nun zugeben müssen, daß, um das innere Werk der göttlichen, unsichtbaren Gnade als vollendet zu zeigen, daß Erste vollständig genügt hätte, nämlich, daß die himmlische Führerin verschwand, daß aber dann auch dies Verschwinden folgerichtig erst später, nämlich nach erfolgter Einführung Dante’s in’s Einzelne der Himmelsrose oder des „Freudenreichs“ (V. 25), hätte geschehen müssen. Denn es ist weder aus dem Bisherigen ein Grund ersichtlich, noch im Folgenden ein solcher angegeben, weshalb der heil. Bernhard eben jetzt gerade erscheinen müßte, wie denn auch – worauf schon in der Vorbemerkung hingewiesen worden ist – erst mit dem 33ten Gesange die selbständige und spezifische Stellung desselben (siehe zu Ges. 32, 151) eintritt. Wenn also nichtsdestoweniger Dante jetzt schon Beatrix, sofern sie als die Gnade zu fassen, verschwinden läßt, um sie sofort wieder als seligen Menschengeist unter [596] andern Seligen zu zeigen, so ist ersichtlich, daß das Erste um des Zweiten willen geschah, daß der Absicht eine Concession gemacht ist, aus der allegorischen Umhüllung noch einmal den realen Kern der ganzen Gestalt hervorteten zu lassen, d. h. die historische Beatrix, die Jugendgeliebte zu apotheosiren. Denn, wenn dies geschehen sollte, so mußte es eben jetzt geschehen, ehe die Einzel-Erklärung der Himmelsrose begann, in deren ersten Reihen Beatrix an dem, ihr, gemäß ihres Erdenlebens zukommenden Platze strahlend erblickt werden sollte, V. 67 ff. Die von Notter u. a. gestellte Frage, „weshalb Beatrix den Dichter nicht weiter zu führen vermöge?“ dürfte also einfach dahin zu beantworten sein: Beatrix vermag es wohl noch, thut es auch – nur nicht mehr zur Seite Dante’s sichtbar stehend, sondern gleichsam in die Tiefe der Gottheit zurückgekehrt (von seiner Seite verschwunden V. 58), beziehungsweise wieder hervorgetreten (V. 76) an dem Platz, der ihr als menschlicher Trägerin der Heilsidee zukommt und von welchem aus man ja ihr inneres Fortwirken bei Dante bis zu Ges. 33, wo er „durch sich selber schaut,“ nicht aufgehoben denken mag – wie denn auch Sie, nach ausdrücklicher Erklärung in V. 65 und 96, wiederum (wie einst den Virgil, Hölle 2) aus fortdauernder Liebe und Theilnahme jetzt den h. Bernhard sendet, über dessen dem entsprechende Stellung, hier und im Ges. 32, schon oben und in der Vorbemerkung zu Ges. 30 gehandelt ist. – Es folgen nun V. 79–93 jene unsterblichen Worte, welche, halb Gebet, halb Apostrophe und Liebeserguß, in so einzig schöner, rührender Weise das Doppelgefühl zum Ausdruck bringen, das ihn an sie band, die Doppelstellung, welche sie einnahm, welche ja beide doch nur eines sind, wie auch die Worte in Eines zusammenfließen. Und so hat denn der Dichter gethan, was er in seinem „neuen Leben“ gelobt, „von B. zu sagen, was noch von keiner sterblichen Frau sei gesagt worden“ (S. 5 u.); er hat sie unsterblich gemacht in der Geschichte, daß jeder Mund heute noch ihren Namen nennt; er hat noch einmal seine Liebesglut für sie, die nächste historische Genesis seines Werkes, bezeugt, wodurch demselben der Zauber einer in persönlichem Selbsterlebniß wurzelnden, weltumfassenden Geistestiefe geworden.]
Empfohlene Zitierweise:
Alighieri, Dante. Streckfuß, Karl (Übers.). Pfleiderer, Rudolf (Hrsg.): Die Göttliche Komödie. Leipzig: Reclam Verlag, 1876, Seite 595. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Dante_-_Kom%C3%B6die_-_Streckfu%C3%9F_-_595.jpg&oldid=3232646 (Version vom 31.7.2018)