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in den Sinn kommende und unangenehme Erinnerung roth, wie ich selbst beobachtet habe und wie mir von Andern versichert worden ist. Die häufigste Ursache scheint die plötzliche Erinnerung daran zu sein, daß irgend etwas für eine andere Person nicht gethan ist, was versprochen worden war. In diesem Falle dürfte der Gedanke halb unbewußt durch die Seele ziehen: „was wird er von mir denken?“ Und dann wird das Rothwerden die Natur eines wirklichen Erröthens vor Scham erhalten. Ob aber derartige Erscheinungen des Rothwerdens in den meisten Fällen Folge einer Affection des capillaren Kreislaufs sind, ist sehr zweifelhaft. Denn wir müssen uns daran erinnern, daß beinahe jede starke Gemüthserregung, so z. B. Zorn oder große Freude, auf das Herz wirkt und das Gesicht zu erröthen veranlaßt.


Die Thatsache, daß Erröthen in absoluter Einsamkeit erregt werden kann, scheint der hier vertretenen Ansicht entgegen zu sein, daß nämlich die Gewohnheit ursprünglich aus dem Gedanken daran entstanden sei, was Andere von uns denken. Mehrere Damen, welche leicht und stark erröthen, sind in Bezug auf die Einsamkeit einstimmig, und einige von ihnen glauben, daß sie im Dunkeln erröthet sind. Nach dem, was Mr. Forbes in Bezug auf die Aymaras angegeben hat, und nach meinen eigenen Empfindungen habe ich keinen Zweifel, daß die letzte Angabe richtig ist. Shakespeare irrte sich daher, als er Julia, welche nicht einmal allein war, zu Romeo sagen ließ (Act II, Scene 2):

„Du Weißt, die Nacht verschleiert mein Gesicht,
Sonst färbte Mädchenröthe meine Wangen
Um das, was du vorhin mich sagen hörtest.“

Wenn aber ein Erröthen im Alleinsein erregt wird, so bezieht sich die Ursache beinahe immer auf die Gedanken Anderer über uns, auf Handlungen, die in ihrer Gegenwart ausgeführt oder von ihnen vermuthet wurden; oder wir erröthen ferner, wenn wir uns überlegen, was Andere von uns gedacht haben würden, wenn sie von der Handlung gewußt hätten. Nichtsdestoweniger glauben ein oder zwei meiner Berichterstatter, daß sie aus Scham über Handlungen erröthet[WS 1] sind, die in keiner Weise sich auf Andere beziehen. Ist dies der Fall, so müssen wir das Resultat der Gewalt eingewurzelter Gewohnheit und der Association unter einem Seelenzustande zuschreiben, welcher dem

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: errröthet
Empfohlene Zitierweise:
Charles Darwin: Der Ausdruck der Gemüthsbewegungen bei dem Menschen und den Thieren. E. Schweizerbart'sche Verlagshandlung (E. Koch), Stuttgart 1877, Seite 307. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:DarwinAusdruck.djvu/327&oldid=- (Version vom 7.9.2019)