Seite:Das Erdinnere.pdf/5

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Liste.png Walther Kabel: Das Erdinnere (Bibliothek für Alle. Illustrierte Monatsbände für Jung und Alt. 4. Jahrgang, Band 2)

Im Gotthard-Tunnel z. B. fand man folgende Werte: In einer Tunneltiefe von 300 Meter 24 Grad Celsius, bei 565 Meter 42 Grad, bei 1165 Meter 52,5 Grad. Diese völlig einwandfreien Feststellungen über die Gesteinstemperatur und die Tatsache der mit der Tiefe stetig zunehmenden Erdtemperatur müßten doch eigentlich nur den einen Schluß zulassen – daß sich bei der im Erdinnern aufgespeicherten Gluthitze, von der sich unser menschliches Begriffsvermögen gar keine Vorstellung machen kann, sowohl Metalle wie Gesteine in vollem Schmelzflusse befinden. Und die weitaus größte Zahl der Geologen vertritt auch den Standpunkt, daß schon in etwa 150 Kilometer Tiefe die gesamte Materie der inneren Erde in feuerflüssigem Zustande sein müsse. Dennoch gibt es sehr namhafte Gelehrte, die wieder behaupten, in der Erde befänden sich nur an bestimmten Stellen, so unter den großen Vulkangebieten, mächtige Hohlräume, in denen sich die am leichtesten schmelzbaren Massen angesammelt haben, daß aber der sonstige Erdkern eine vollkommen kompakte Masse aus Gesteinsschichten darstelle. Wieder andere vertreten die Ansicht, die Hitze im Innern der Erde sei so gewaltig, daß alle Stoffe sich dort nur in gasförmiger Gestalt halten könnten. Die Theorie hat manches für sich, besonders für die Erklärung der Erdbeben. Doch näher hierauf einzugehen, ist unmöglich. Neuerdings ist von dem bekannten Geologen Wiechert[ws 1] noch eine andere Hypothese aufgestellt worden. Dieser nimmt an, daß nur die schwersten Metalle, wie Gold, Silber und Platin, in flüssigem Zustande im Erdkern angesammelt seien, indem sie dem Gesetze der Gravitation folgend sich in der Erdmitte zusammengezogen hätten. Weiter soll dann auf diese Kugel von Edelmetallen eine Schale von weniger schweren Metallen folgen, hierauf wieder eine zweite von leichteren Metallen und Gesteinen, bis endlich die eigentliche Erdoberfläche von den leichtesten Stoffen gebildet würde. Jedenfalls zeigt schon diese Uneinigkeit in Fachkreisen, wie sehr wir heute noch hinsichtlich all dieser Fragen im Dunkeln tappen.


Anmerkungen (Wikisource)

  1. Gemeint ist w:Emil Wiechert (1861-1928).
Empfohlene Zitierweise:
Walther Kabel: Das Erdinnere (Bibliothek für Alle. Illustrierte Monatsbände für Jung und Alt. 4. Jahrgang, Band 2). Verlag der Bibliothek für Alle, Dresden 1912, Seite 82. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Das_Erdinnere.pdf/5&oldid=3176469 (Version vom 30.6.2018)