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und in die Küche eilen, wo ein junges Huhn, mit Speckscheiben belegt, lustig im Schmortopf brodelte.

Als Dr. Dreßler pünktlich wie immer zwei Minuten vor eins in die Straße mit dem merkwürdigen Namen „Haustor“ einbog, nachdem er sich auf einem längeren Spaziergang durch den Steffenspark und die Große Allee von den Anstrengungen der Vormittagsarbeit erholt hatte, sah er schon von weitem vor seinem Hause den Inhaber des Parterre-Ladens stehen. Als er sich jetzt näherte, kam ihm Jakob Wenzel eilfertig entgegengetrippelt und, sein schwarzes Samtkäppchen ziehend, sagte er vertraulich:

„Morgen, Herr Doktor! – Jetzt hab’ ich sie!“ Und dabei blinzelten seine kleinen pfiffigen Äuglein in eitel Triumph. – Dreßler hatte ihm die Hand geschüttelt und fragte sofort:

„Wirklich?! – Dann zeigen Sie –“ Da unterbrach er sich. In der Ferne schlug eine Turmuhr hallend eins. Der Doktor schüttelte bedauernd den Kopf.

„Also nach Tisch komm’ ich sofort zu Ihnen herunter. Jetzt geht es nicht. Ich darf meine Kascha nicht warten lassen!“ – Und Jakob Wenzel kurz zunickend, verschwand er schnell in der Haustür.




2. Kapitel.

Zu Doktor Dreßlers etwas philisterhaften Gewohnheiten gehörte auch der tägliche Nachmittagsschlaf. Daß er heute, nachdem Kascha nur noch die traurigen Knochenreste des Brathuhnes hinausgetragen hatte, nicht sofort den in seinem Schlafzimmer stehenden Diwan aufsuchte, daran waren eigentlich Wielands schuld. Vormittags auf dem Spaziergang war er die Gedanken an die Familie seines Freundes nicht losgeworden. Gedanken, die sich um die seit Tagen im Wielandschen Hause deutlich bemerkbare allgemeine Verstimmung drehten. Und

Empfohlene Zitierweise:
Walther Kabel: Das Geheimnis eines Lebens. Verlag moderner Lektüre G.m.b.H., Berlin 1920, Seite 9. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Das_Geheimnis_eines_Lebens.pdf/10&oldid=- (Version vom 31.7.2018)