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Und die besteht jetzt schon, so sehr wir uns auch Mühe geben, die traurige Tatsache voreinander zu verheimlichen.“

Dreßler schüttelte leicht den Kopf.

„Über all diese Dinge kann ich unmöglich schon jetzt ein Urteil abgeben. Ich werde jetzt mit Dir gehen und erst einmal die Zimmer Deines Schwiegervaters besichtigen. Vielleicht finde ich irgend eine Spur. Und nun entschuldige mich einen Moment; ich will mich nur zum Ausgehen fertig machen.“ –

Dr. Hans Dreßler war nicht nur ein Menschenkenner, sondern auch, – wenn’s darauf ankam, ein sehr guter Schauspieler. Eine Probe seines Könnens hatte er soeben abgelegt. Er hatte über Frau Marias eigenartiges Verhalten bereits seine besonderen Gedanken. Und nur um dem Freund die Seelenruhe nicht zu rauben, hatte er ihn mit allgemeinen Redensarten abgespeist. Er kannte die Frau seines Freundes, wußte, daß sie trotz der mädchenhaften Weichheit ihres Charakters eine große Selbstbeherrschung und viel weibliche Klugheit besaß. Und als er sich jetzt langsam den Paletot anzog, überkam ihn ein sonderbar unbehagliches Gefühl. Es war ihm, als ob ihn eine innere Stimme warnte: „Mische Dich nicht in diese Angelegenheit, laß die Dinge ihren Lauf gehen!“ – Aber dann schämte er sich dieser kleinmütigen Regung, ergriff schnell seinen Hut und ging in das Arbeitszimmer hinüber, wo Wieland auf ihn wartete.




3. Kapitel.

Wielands bewohnten die erste Etage eines der hohen, am Kassubischen Markt gelegenen Häuser der alten Handelsstadt Danzig. Damals, als der blonde Ingenieur sich ernstlich um die Hand der schönen Maria Durgassow zu bewerben begann, war sein erstes gewesen, seine Schwester, mit der er seit dem Tode der Eltern zusammenlebte, seiner Herzensauserwählten

Empfohlene Zitierweise:
Walther Kabel: Das Geheimnis eines Lebens. Verlag moderner Lektüre G.m.b.H., Berlin 1920, Seite 15. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Das_Geheimnis_eines_Lebens.pdf/16&oldid=- (Version vom 31.7.2018)