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4. Kapitel.

Dreßler war, nachdem er sich seines Verfolgers in geschickter Weise entledigt hatte, nach Hause gegangen. Als er hier kaum seine Entreetür aufgeschlossen hatte, kam auch schon Kascha eilfertig aus der Küche herbeigetrippelt und raunte ihm leise zu:

„Herr Doktor, ist sich eine Dame da. Sie wartet in Studierstube.“

„Eine Dame?“ fragte Dreßler erstaunt, aber ebenso leise.

„Ja – Dame. Ist die gnädige Frau Wieland, Herr Doktor!“

Das hatte Dreßler allerdings nicht erwartet. Mit kühler Höflichkeit begrüßte er sodann Maria, die ihm mit verlegenem Gesicht entgegentrat. Als sie Platz genommen hatte, fragte er ganz unvermittelt mit rücksichtsloser Offenheit, indem er sie dabei scharf fixierte:

„Sie wollen mir jetzt das ausliefern, was Sie mir heute nachmittag vorenthalten haben, nicht wahr?“

Der hilflose Zug in dem Gesicht der schönen Frau trat jetzt noch mehr hervor. Und während Tränen ihr in die Augen stiegen, flehte sie leise:

„Haben Sie doch Erbarmen mit mir!“

Dreßler war aufgestanden und, dicht an sie herantretend, sagte er etwas freundlicher:

„Beruhigen Sie sich, liebe Freundin. Ich werde Ihnen helfen. Nur Vertrauen müssen Sie zu mir haben, volles Vertrauen! Ich kenne Sie ja lange genug, um hoffen zu können, daß keine – verwerflichen Motive Sie zu dieser Geheimniskrämerei verleitet haben. Und jetzt geben Sie mir bitte die volle Wahrheit ohne jede Einschränkung, teilen mir auf meine Fragen alles mit, was Sie wissen und vielleicht in letzter Zeit beobachtet haben.“

Marias Tränen versiegten langsam. Ihr Widerstand war völlig gebrochen.

Empfohlene Zitierweise:
Walther Kabel: Das Geheimnis eines Lebens. Verlag moderner Lektüre G.m.b.H., Berlin 1920, Seite 27. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Das_Geheimnis_eines_Lebens.pdf/28&oldid=- (Version vom 31.7.2018)