Seite:Das Geheimnis eines Lebens.pdf/32

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.

schnell. „Wenn Sie die Wichtigkeit des Geheimzeichens aber ganz begreifen wollen, lieber Freund, muß ich Ihnen nun endlich in Kürze das erzählen, was ich von der Vergangenheit meines Vaters weiß.“

Dreßler lauschte gespannt, als Maria Wieland begann:

„Mein Vater heißt eigentlich Franz Schönberg. Niemand ahnt bisher, daß Michael Durgassow ein Name ist, den er erst später angenommen hat, – aus welchen Gründen, werden Sie bald sehen. – Als Maria Schönberg wurde ich im Jahre 1880 in Kalkutta geboren, wo mein Vater damals bei einer großen Plantagengesellschaft angestellt war. Kurz nach meiner Geburt starb meine Mutter an der Cholera, die in jenen Jahren Indien mit ungewöhnlicher Hartnäckigkeit immer wieder heimsuchte. Auf meine Kinderjahre besinne ich mich wenig. Ich besuchte bis zum zehnten Jahre die deutsche Schule in Kalkutta, lebte aber nicht im Hause meines Vaters, sondern bei einer österreichischen Familie namens Bernhard. Den Vater sah ich selten. Er machte meistenteils für die Plantagengesellschaft weite Reisen, die ihn oft ein ganzes Jahr im Innern des Landes beschäftigten. Dann erschien er eines Abends, es war im Frühjahr 1890, nach längerer Abwesenheit bei Bernhards und teilte mir mit, daß wir schon am nächsten Tage nach Persien abreisen würden. Er hätte dort längere Zeit für seine Firma zu tun und wolle mich nicht allein in Indien zurücklassen. Er nahm mich dann auch sofort mit in sein Hotel. Am anderen Morgen sah er völlig verändert aus, so daß ich ihn im ersten Augenblick kaum wiedererkannte. Seinen Vollbart hatte er sich abnehmen lassen, dazu trug er eine blaue Brille, angeblich einer Augenentzündung wegen. Wir gingen noch an demselben Vormittag an Bord der „Sophie“, die wenige Stunden später den Hafen verließ. Auf der Fahrt benahm sich mein Vater – das fiel sogar mir trotz meiner jungen Jahre auf – derart ängstlich, als ob er Grund hatte, sich vor jedermann zu verbergen. Außerdem hatte er mir noch,

Empfohlene Zitierweise:
Walther Kabel: Das Geheimnis eines Lebens. Verlag moderner Lektüre G.m.b.H., Berlin 1920, Seite 31. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Das_Geheimnis_eines_Lebens.pdf/32&oldid=- (Version vom 31.7.2018)