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er mit ebenso großem Eifer dem Abendessen zu, das Kascha ihm in der schnell wieder zum Speisezimmer umgewandelten anderen Seite seiner Studierstube aufgetischt hatte.

Inzwischen war es neun geworden, und Dreßler verspürte allmählich, wie seine Nerven nach all den Aufregungen zu streiken begannen. Was half es ihm, daß er seine Gedanken von diesen Geschehnissen abzulenken versuchte, daß er sich an seinem Arbeitstisch zu schaffen machte und dazu eine Zigarette nach der anderen rauchte. Sein Denken drehte sich ja doch immer wieder um denselben Mittelpunkt: Um den rätselhaften Fall Michael Durgassow. – Schließlich flüchtete er sich dann hinunter in Jakob Wenzels Behausung. Und was er selbst nicht vermocht hatte, die blasse Wera brachte es fertig. Er vergaß Michael Durgassow und die Sorgen seiner Freunde wenigstens für kurze Zeit.

Die beiden plauderten jetzt so angeregt von diesem und jenem, dann, nach einer Pause im Gespräch, bat Dreßler in seiner liebenswürdigen Art:

„Sie könnten mir etwas vorspielen, Fräulein Wera, ich träume so gern dabei.“

Ohne Zögern erhob sie sich und schlug den Deckel des Pianos zurück. Einige Akkorde anschlagend, fragte sie, sich halb zu ihm hinwendend:

„Ernst oder heiter, Herr Doktor?“

„Ernst – dämonisch, geheimnisvoll,“ meinte er lächelnd und nickte ihr zu.

Sie setzte sich und sann wenige Augenblicke nach. Dreßler aber vertauschte ganz leise seinen bisherigen Platz mit einem Schaukelstuhl, in den er sich behaglich zurücklehnte.

Dann spielte sie den „Feuerzauber“ aus der Walküre. Und wieder, wie schon so oft, kam dem Manne der Gedanke, welchen Schatz von Talenten dieser schmächtige, verunstaltete Mädchenkörper in sich barg. Er lauschte, schloß die Augen. Da kam die Sehnsucht über ihn, – wie stets, wenn er Musik hörte, diese

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Walther Kabel: Das Geheimnis eines Lebens. Verlag moderner Lektüre G.m.b.H., Berlin 1920, Seite 44. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Das_Geheimnis_eines_Lebens.pdf/45&oldid=- (Version vom 31.7.2018)