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Sehnsucht nach einem großen Glück, das für ihn doch nur Anna Wieland heißen konnte.

Und die, die in ihm diese Sehnen nach dem geliebten Weibe durch die Macht der Töne geweckt hatte, saß da und legte ihren ganzen, stets so still verborgenen Glückshunger in ihr Spiel. Plötzlich brach das Brausen der Töne mit einem schrillen Diskantton ab. Erstaunt öffnete Dreßler die Augen. Und was er sah, wunderte ihn mehr als die Überraschungen des Tages. – Wera Wenzel hatte die Arme auf die Klaviatur gestützt und ihr Gesicht in den Händen verborgen. Sie weinte, daß ihr zarter Körper hin und her geschüttelt wurde. Und trotzdem hörte man nichts als ein leises, leises Wimmern.

Dreßler war aufgestanden und hinter sie getreten.

„Fräulein Wera, - was haben Sie denn? Was quält sie?“ – Da stand sie jäh auf. Und mit einer Energie, die sie unter Tränen lächeln ließ, sagte sie: „Seien Sie nicht böse, Herr Doktor. Aber bisweilen packt es mich so wunderbar bei den Klängen dieser Musik. Sie würden’s Hysterie nennen, Sie, der Mann mit den Stahlnerven.“

„Und meinen Sie, daß der Mann mit den Stahlnerven kein – Empfinden hat?“ fragte er fast verletzt. Da drehte sie sich von ihm weg und trocknete ihre Augen.

„Doch, ich glaub’ es schon,“ klang’s wehmütig zurück. – „Aber jetzt nehmen Sie bitte wieder Platz,“ fuhr sie schnell fort. „Und hier – hier sind auch Zigaretten. Ihre Schwärmerei!“ – Dabei lachte sie beinahe spitzbübisch. „Wenn Sie’s nicht entsetzt, zünde ich mir auch eine Papyros an, so – danke!“

Wieder saßen sie sich gegenüber an dem runden Mitteltisch. Aber die zwanglose Unterhaltung von vorhin wollte nicht mehr in Fluß kommen. Dreßler war nicht bei der Sache. Er dachte an anderes. – Sollten Weras Tränen etwa einer aussichtslosen Neigung gegolten haben, sollte etwa er selbst derjenige sein, den die arme Verwachsene liebte? – Und Dreßler, der vorzügliche Menschenkenner, der jede, selbst

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Walther Kabel: Das Geheimnis eines Lebens. Verlag moderner Lektüre G.m.b.H., Berlin 1920, Seite 45. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Das_Geheimnis_eines_Lebens.pdf/46&oldid=- (Version vom 31.7.2018)