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die leiseste Gemütsregung bei anderen bemerkte, verfolgte jetzt mit stillem Bedauern diese Gedanken weiter, während er dem jungen Mädchen zerstreut zuhörte. So manches fiel ihm jetzt erst in Weras ganzem Benehmen ihm gegenüber auf, was er bisher kaum beachtet hatte. Kleinigkeiten waren es nur, und doch ergaben sie, nunmehr in ihrer Gesamtheit aneinander gereiht, eine sichere Beweiskette für seine Vermutung. Kein Zweifel: Wera Wenzel, die ihm jetzt in so anschaulicher Weise von dem intimen Reiz und dem hohen künstlerischen Wert der Zoppoter Waldfestspiele erzählte, welche zu besuchen er bisher verabsäumt hatte, liebte ihn seit langem. Und bei dieser Erkenntnis stieg in Hans Dreßlers den weichsten Regungen so leicht zugänglichem Herzen ein tiefes Mitleid auf.

Zum Glück – denn jetzt war ihm das weitere Alleinsein mit ihr nur eine Qual – hörte er bald darauf die schlecht geölte Haustür in ihren Angeln kreischen und dann einen schnellen Schritt auf dem Flur. „Es ist Ihr Vater, Fräulein Wera,“ meinte er scharf hinaushorchend. „Ich erkenne seine Art zu Gehen sofort. – Richtig, da ist er schon.“

Jakob Wenzel schien bei dem Anblick Dreßlers durchaus nicht angenehmen überrascht zu sein. Aber die Falte, die sich für einen Moment in seine Stirn eingegraben hatte, glättete sich ebenso schnell, und, seine Verwirrung geschickt verbergend, streckte er dem Besucher zur Begrüßung die Hand hin.

„Guten Abend, Herr Doktor. – Guten Abend, Wera.“

Er küßte seine Tochter flüchtig auf die Stirn, so flüchtig trotz der langen Abwesenheit, daß das junge Mädchen ihn ganz erstaunt anblickte. Schon wollte er sich zu den beiden an den Tisch setzen, rief dann aber noch schnell Wera ins Nebenzimmer, nachdem er sich bei Dreßler entschuldigt hatte, und fragte sie leise:

„Habt Ihr etwa über die – Statue gesprochen?“

„Nein, kein Wort.“

„Und hast du dem Doktor gegenüber auch nichts über meinen Bruder erwähnt?“

Empfohlene Zitierweise:
Walther Kabel: Das Geheimnis eines Lebens. Verlag moderner Lektüre G.m.b.H., Berlin 1920, Seite 46. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Das_Geheimnis_eines_Lebens.pdf/47&oldid=- (Version vom 31.7.2018)