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mehr zurückzubangen.“ – Dann rieb er sich verlegen die Hände und brachte endlich heraus:

„Er erwähnte nichts davon. Nur daß es ihm gut geht, und er für längere Zeit wieder ins Innere verreisen wolle. Ich dürfe ihm daher auch nicht eher schreiben, bis er mir seine neue Adresse mitgeteilt hätte.“

Bei dieser Antwort richtete sich Wera ganz erstaunt auf. Schon wollte sie eine Bemerkung machen, aber ein strenger Blick ihres Vaters ließ sie schweigen.

Dem ahnungslosen Dreßler entging auch dieser Zwischenfall. Bedauernden Tones sagte er nur:

„Schade, daß Ihr Bruder in nächster Zeit nicht zu erreichen ist. Ich hätte mir gar zu gern bei ihm noch andere mexikanische Altertümer bestellt.“

Inzwischen war es recht spät geworden. Dreßler verabschiedete sich daher und stieg, den neuerworbenen Schatz sorgfältig im Arm tragend, die steile Treppe zu seiner Wohnung empor. –

Als er gegangen war, herrschte zwischen den Zurückbleibenden erst eine Weile ein drückendes Schweigen. Dann wandte sich Jakob Wenzel etwas verlegen an seine Tochter.

„Wera, ich habe meine bestimmten, sehr schwerwiegenden Gründe gehabt, weswegen ich dem Doktor soeben die Unwahrheit sagte. Dreßler darf auf keinen Fall erfahren, daß Dein Onkel Albert bereits in London ist. Er hat die Kiste, in der mein Bruder die Statue schickte, nicht gesehen und somit keine Ahnung, wo sie auf die Post gegeben ist, – ob in Mexiko oder in London. Mag er bei dem Glauben bleiben, daß Albert noch in Amerika weilt.“

„Aber weshalb nur diese Heimlichkeiten, Vater?“ fragte das junge Mädchen beinahe vorwurfsvoll. „Du, der bisher die Wahrheit so über alles liebte, der mir stets so sehr eingeschärft hat, die Lüge als etwas Verabscheuungswürdiges zu hassen. – Du hintergehst jetzt einen Menschen, der uns stets mit größter Freundlichkeit behandelt hat und uns nie fühlen ließ, daß er gesellschaftlich weit über uns steht?!

Empfohlene Zitierweise:
Walther Kabel: Das Geheimnis eines Lebens. Verlag moderner Lektüre G.m.b.H., Berlin 1920, Seite 50. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Das_Geheimnis_eines_Lebens.pdf/51&oldid=- (Version vom 31.7.2018)