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wäre, Fräulein Anna? Würden Sie mich deswegen vielleicht weniger achten? Es gibt ja so viele Menschen, die in dem Detektiv-Beruf etwas – Unehrenhaftes sehen, eben weil die Leute dieses Standes gezwungen sind, zur Erreichung ihres Zieles nach allen möglichen Mitteln zu greifen, die häufig mit den allgemein üblichen Anschauungen über Offenheit und Ehrlichkeit nicht in Einklang zu bringen sind.“

„Sie – Detektiv?! Sie scherzen?!“

„Ich scherze nicht. Über ein Jahrzehnt gehörte ich zu den gesuchtesten Privatdetektivs Deutschlands. Für die große Welt war ich allerdings stets nur der Privatgelehrte Hans Dreßler. Und bestimmte Gründe bewogen mich, sogar Karl gegenüber über diese meine frühere Tätigkeit zu schweigen.“

„Bestimmte Gründe? Etwa weil Sie fürchteten, mein Bruder würde den einstigen Detektiv weniger schätzen als den Mann, den er nur als Chemiker kannte? – Da taxieren Sie Karl denn doch zu gering ein. Jedem, der Gelegenheit hat, Sie genauer kennen zu lernen, müßte Ihre Personen lieb und wert werden, Herr Doktor, jedem! Denn unter Ihrer kühlen, gleichmäßigen Ruhe leuchtet ja immer wieder Ihr edles, mitfühlendes Herz hervor.“

Anna Wieland wollte noch mehr hinzufügen. Aber noch zur rechten Zeit war ihr zum Bewußtsein gekommen, daß sie als junges Mädchen dem unverheirateten Herrn gegenüber unmöglich in diesem Tone fortfahren dürfe und daß eine so begeisterte Würdigung seiner Persönlichkeit leicht von ihm falsch aufgefaßt werden könnte.

Eine heiße Blutwelle war ihr in das Gesicht gestiegen. Und um ihre Verwirrung zu bemänteln, zog sie jetzt ihre Uhr und sagte schnell:

„Es ist Zeit, daß wir heimkehren, Herr Doktor. Ich möchte nicht zu spät zu Tisch kommen.“

Schweigend schritten sie dann den steilen Pfad wieder hinunter und bogen in den nach dem Langfuhrer Marktplatz führenden Weg ein, um von dort die Straßenbahn nach Danzig zu benutzen. Hans

Empfohlene Zitierweise:
Walther Kabel: Das Geheimnis eines Lebens. Verlag moderner Lektüre G.m.b.H., Berlin 1920, Seite 59. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Das_Geheimnis_eines_Lebens.pdf/60&oldid=- (Version vom 31.7.2018)