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hatte er das von seiner vorsorglichen Kascha bereitgehaltene Abendessen verzehrt, als es an der Flurtür klingelte. Der Besucher war kein anderer als Jakob Wenzel.

Der Doktor war ihm entgegengegangen und streckte ihm in alter Weise die Hand zur Begrüßung hin. Aber der kleine Händler hielt die seine ängstlich auf dem Rücken.

„Herr Doktor,“ brachte er mühsam hervor, „reichen Sie mir nicht die Hand. Ich bin’s nicht mehr wert, ich habe zu schändlich an Ihnen gehandelt.“

„Aber Wenzel, – was soll das?“ fragte der ahnungslose Dreßler erstaunt. „Nicht mehr wert? Was heißt das?“

„Das heißt, daß ich eigentlich allein schuld an dem Tode des Herrn Durgassow bin, ja, ich allein. Hätte ich Ihnen beizeiten die Wahrheit gestanden, dann –“

„Mann, reden Sie denn plötzlich irre?“ unterbrach ihn Dreßler kopfschüttelnd. „Ich begreife von alledem nichts, nichts!“

„Glaub’ ich gern, Herr Doktor. Lassen Sie mich daher im Zusammenhang alles erzählen.“

„Gut, – aber nehmen Sie zuerst einmal Platz. Sie schlottern ja an allen Gliedern. – So, und nun beruhigen Sie sich erst einmal. So schwer kann Ihr Gewissen doch kaum belastet sein.“

„Schwerer, als Sie es ahnen. Um es kurz zu machen, Herr Doktor, – einmal muß es doch gesagt sein: Der Mörder des Herrn Durgassow ist mein eigener, leiblicher Bruder.“

„Ihr Bruder?!“

Jetzt begriff Dreßler die schwerwiegende Bedeutung dieser Mitteilung. Aber er brauchte deshalb keine ergänzenden Fragen an Jakob Wenzel zu richten. Dieser hatte nur den einen Wunsch, sein Gewissen endlich zu entlasten. Mit allen Einzelheiten, ohne jede Beschönigung erzählte er, wie er damals an jenem Nachmittag, als er den Mann im grauen Pelerinenmantel verfolgen sollte, in diesem seinen Bruder wiedererkannte

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Walther Kabel: Das Geheimnis eines Lebens. Verlag moderner Lektüre G.m.b.H., Berlin 1920, Seite 85. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Das_Geheimnis_eines_Lebens.pdf/86&oldid=- (Version vom 31.7.2018)