Seite:Das Tagebuch eines Irren.pdf/16

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Liste.png Walther Kabel: Das Tagebuch eines Irren (Bibliothek der Unterhaltung und des Wissens, Band 9)

Hände und sagte zuversichtlich zu dem neben ihm stehenden Agenten: „Was gilt die Wette, Herr Wegener, daß wir in drei Stunden vergnügt auf dem freien Meere schwimmen? – Leichter konnten uns die Herren Türken ja das Entschlüpfen gar nicht machen! Sehen Sie, die ganze Gesellschaft geht da draußen im Angesicht der verbündeten Flotte wieder vor Anker. Sie bergen das bißchen Zeug, das sie ausgesetzt hatten, und ehe die gelben Affen nachher wieder seeklar machen, bin ich längst über alle Berge!“

„Aber hier im Hafen sind doch noch die drei –“

„Die?“ meinte Müller verächtlich. „Die alten Kähne sollen Allah preisen, wenn ich sie in Ruhe lasse! Meine vier bronzenen Bullenbeißer haben gute Zähne, glauben Sie mir nur! Und meine Jungens verstehen ebensogut ein Geschütz zu richten, wie ’ne halbe Flasche Rum auf einen Zug zu leeren!“

So wurde auf dem „Kaiser Barbarossa“ jener denkwürdige 20. Oktober begrüßt, der über die Freiheit eines ganzen Volkes entscheiden sollte. Und dem Hamburger Klipper war es beschieden, im Hafen von Navarino die Würfel der Weltgeschichte ins Rollen zu bringen. Die Geschichtsforschung hat nachgewiesen, daß an jenem Tage der Kampf nur infolge eines Ineinandergreifens merkwürdiger Zufälle begann. Weder die Türken noch die Verbündeten haben die Absicht gehabt, sich eine Seeschlacht zu liefern. Wenn auch Sir Codrington das Ultimatum gestellt hatte, so wäre er doch niemals, selbst bei Ausbleiben einer bündigen Erklärung von türkischer Seite, zum Angriff übergegangen, wenn nicht der durch die Einflüsterungen seines Sekretärs nervös gemachte Kapudan-Bei mit einer von dem englischen Kommodore falsch aufgefaßten Kanonade begonnen hätte.

Empfohlene Zitierweise:
Walther Kabel: Das Tagebuch eines Irren (Bibliothek der Unterhaltung und des Wissens, Band 9). Union Deutsche Verlagsgesellschaft, Stuttgart, Berlin, Leipzig 1908, Seite 115. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Das_Tagebuch_eines_Irren.pdf/16&oldid=- (Version vom 31.7.2018)