Seite:Das Tagebuch eines Irren.pdf/21

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Liste.png Walther Kabel: Das Tagebuch eines Irren (Bibliothek der Unterhaltung und des Wissens, Band 9)

entlassen werden. Aber erst die plötzlich eintretende Teuerung auf dem europäischen Geldmarkt, sowie das Fallissement[WS 1] mehrerer Firmen, mit denen die Gesellschaft in Geschäftsverbindung stand, wozu noch ein monatelang währender Streik kam, veranlaßten im Frühjahr 1905 den Konkurs und völligen Zusammenbruch der über fünfzig Jahre bestehenden Werke. Allen Angestellten wurde gekündigt, und so verlor Hilgener ebenfalls seine Stellung.

Zu derselben Zeit nahm auch die Krankheit seiner Frau eine ernstere Wendung, die wahrscheinlich auf die Aufregungen der letzten Zeit zurückzuführen war. Ersparnisse hatte der Ingenieur bisher nicht gemacht, und trotzdem man ihm sein bisheriges Gehalt noch bis zum Herbst auszahlen mußte, sah er sich doch bald den ernstesten Sorgen gegenüber, da seine Versuche, eine andere, seinen Kenntnissen und seinem früheren Wirkungskreise entsprechende Stellung zu finden, fehlschlugen, und das Leiden seiner Frau Ausgaben verursachte, die ihn bald zu bisher unbekannten Einschränkungen zwangen. Auf ärztlichen Rat hatte er für den Sommer in dem nahen Badeort Zoppot eine bescheidene Wohnung gemietet. Doch trotz der sorgfältigsten Pflege und der erquickenden Seeluft nahmen die Kräfte der Kranken zusehends ab.

Da schickte Hilgener eines Tages in seiner verzweifelten Stimmung einen Brief an seinen Schwager, der als Arzt an der nahen Provinzialirrenanstalt Neustadt tätig war, und bat ihn, zu einer wichtigen Rücksprache nach Zoppot zu kommen. Die Antwort traf umgehend ein. Doktor Hans Menk schrieb, daß er auf die dringende Einladung hin seinen vierzehntägigen Urlaub gern bei seinen Verwandten verleben wolle und am 4. Juli in Zoppot anlangen werde.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Zahlungsunfähigkeit, Konkurs
Empfohlene Zitierweise:
Walther Kabel: Das Tagebuch eines Irren (Bibliothek der Unterhaltung und des Wissens, Band 9). Union Deutsche Verlagsgesellschaft, Stuttgart, Berlin, Leipzig 1908, Seite 120. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Das_Tagebuch_eines_Irren.pdf/21&oldid=- (Version vom 31.7.2018)