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Liste.png Walther Kabel: Das Tagebuch eines Irren (Bibliothek der Unterhaltung und des Wissens, Band 9)

Barbiers betrieb und, als er dann im Jahre 1817 nach der Türkei auswanderte, es seinem Bruder, einem anscheinend sehr schreibfreudigen Schulmeisterlein, zurückließ. Dieser hat es nun schon einem weniger prosaischen Zweck zugeführt, da er es zu mancherlei Eintragungen über Familienangelegenheiten und Zeitereignisse benützte und auch einige ihm besonders wichtig scheinende Briefe seines in Konstantinopel weilenden Bruders Joseph darin sorgfältig einklebte. Dann vererbte sich das Buch über zwei Generationen der Familie bis zu dem letzten Meinert, eben meinem Patienten, der daraus ein richtiges Tagebuch machte und es in den zehn Jahren seines Aufenthalts in unserer Anstalt beinahe ganz mit seinen oft tragikomischen und doch so herzergreifenden Aufzeichnungen gefüllt hat. Diese behandeln meistenteils unbedeutende Vorfälle aus der Anstalt, die sich in der Vorstellung des Geisteskranken stets als große Staatsaktionen widerspiegelten, und die er dann regelmäßig mit seiner Wahnidee als entthronter Kaiser in irgend eine Verbindung brachte und auch in dieser Form niederschrieb. Jedenfalls zeigt dieses Tagebuch deutlich, wie sehr gerade bei einer Gehirnaffektion die Tätigkeit der Phantasie gesteigert und zu Leistungen befähigt wird, die weit über den Bildungsgrad solcher Kranken hinausgehen. Die Scheinwelt, die zum Beispiel dieser Friedrich Meinert als Monarch im Exil um sich geschaffen hatte, konnte gar nicht besser derartigen Verhältnissen in der Wirklichkeit angepaßt sein. Sein hoheitsvolles Auftreten und die Herablassung, mit der er die anderen Patienten aus seinem Saal behandelte, waren kleine Meisterstücke schauspielerischer Begabung. Aber du kannst dir selbst das beste Bild von diesem armen Menschen und seinem Treiben machen, wenn du seine Tagebuchblätter

Empfohlene Zitierweise:
Walther Kabel: Das Tagebuch eines Irren (Bibliothek der Unterhaltung und des Wissens, Band 9). Union Deutsche Verlagsgesellschaft, Stuttgart, Berlin, Leipzig 1908, Seite 124. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Das_Tagebuch_eines_Irren.pdf/25&oldid=- (Version vom 31.7.2018)