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Seite:Das Wesen der Architektonischen Schöpfung.pdf/31

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und befreiend wirkt wie Ausweitung und Aufschwung unserer Seele, und in gemalten Architekturprospekten auf der Fläche noch im blossen Schauen einen Teil ihres Zaubers ausübt?


Auch bei der Ueberschau eines abgeschlossenen Bauwerks von Aussen her gewinnen wir das Verständnis seiner gesetzmässigen Bildung nur durch den Einblick in die Raumgestaltung von Innen her. Hier trennt sich schaffendes und geniessendes Subjekt, Erfinder und Betrachter.
     Es ist ein Akt freier aesthetischer Betrachtung, wenn wir uns mit Hülfe der Phantasie hineinversetzen in das Centrum des Innenraumes, dessen Aussenseite sich vor uns aufbaut, und durch die Frage nach dem Axensystem da drüben die Ausgestaltung des fremden Organismus dem analogen Gefühl in uns zu erschliessen streben. Solange wir diese Verdoppelung unseres Bewusstseins, die Ergänzung des Standpunkts draussen durch den Standpunkt drinnen nicht zu vollziehen vermögen, solange bleibt das Bauwerk für uns eine starre Krystallisation, wie der Felsblock der vor uns aufsteigt, mögen wir ihn von vorn oder von andern Seiten, oder gar von oben her beschauen.[1]
     Die Selbständigkeit des Gebildes tritt uns um so überzeugender entgegen, je stärker die Senkrechte als Dominante des Ganzen entwickelt worden; denn eben dies Gefühl, dass ein zweiter Meridian als Mittelaxe dort, uns gegenüber vorhanden ist, bedingt die Anerkennung des Raumgebildes als Körper eigner Organisation ausser uns selbst. Die Betrachtung

Empfohlene Zitierweise:
August Schmarsow: Das Wesen der architektonischen Schöpfung. Karl W. Hiersemann, Leipzig 1894, Seite 27. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Das_Wesen_der_Architektonischen_Sch%C3%B6pfung.pdf/31&oldid=- (Version vom 21.8.2025)
  1. Vgl. Schleiermachers Ausspruch: "ein Gebäude ist wie eine Krystallisation zu betrachten" u. s. w.