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Neuntes Kapitel


Auf dem Wege nach Pirgallen machten wir bei einer Reihe von Verwandten Station. Ich kam mir vor, als wäre ich von luftiger Bergeshöhe in schwüle Niederung geschleudert worden. „Wir haben eine Vetternreise hinter uns: in Sachsen, in der Mark, in Pommern – überall derselbe Schlag Krautjunker, je nach der Größe der Geldbeutel echt oder unecht überfirnißt, bei allen dieselbe souveräne Verachtung geistiger Werte –“ schrieb ich an meine Kusine Mathilde. „Meine Vettern in Ingershausen – übrigens ein pompöses Schloß, das August dem Starken, seinem Erbauer, alle Ehre macht –, die früher an beängstigender Wasserscheu litten, sind Gigerl par excellence geworden, gardereif. Ihre Schwester, eine Venus von Milo, hat schon mit siebzehn Jahren geheiratet, kriegt ein Kind nach dem andern und den fatalen Zug um den Mund, den ich noch bei jeder jungen Frau entdeckt habe: ich glaube, es ist der der Enttäuschung. Ein paar Kindheitsfreundinnen, die ich wiedersah, und die mir vor Jahr und Tag mit allen Zeichen des Triumphes – sie hatten mich ja im Rennen um den Mann um ein paar Pferdelängen geschlagen! – ihre Verlobung mitgeteilt hatten, traten mir jetzt als hochschwangere Frauen entgegen:

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Lily Braun: Memoiren einer Sozialistin. Albert Langen, München 1909, Seite 232. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:De_Memoiren_einer_Sozialistin_-_Lehrjahre_(Braun).djvu/234&oldid=- (Version vom 31.7.2018)