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gingen mich Darwin, Wagner und Nietzsche an? Neben dem Reichtum lebendigen Lebens, das mir begegnet war, verblaßte alles zu blutleeren Schemen.


Am Abend unserer Rückkehr im Herbst saß ich im Dunkel der Intendantenloge im Theater. „Hoffmanns Erzählungen“, – jenes geniale Werk Offenbachs, das er geschaffen haben muß, besessen vom Geiste des Zauberers, dem es galt, – gelangte zum erstenmal, und ungekürzt, zur Aufführung. Meine Augen durchforschten noch die Logen und Ränge – ich war ja nur gekommen, weil ich überzeugt war, ihn zu finden –, als die ersten Akkorde der Ouverture mich schon gefangen nahmen. Und dann die Oper selbst! Wie es ihr zukommt, war jede possenhafte Nuance vermieden worden; Spalanzani und Coppelius, der geheimnisvolle Brillenverkäufer im ersten Akt, wirkten gespensterhaft, und Olympia, die Puppe, war nicht nur ein Automat, der schließlich zur Erhöhung der Lachlust eines einfältigen Publikums zerbrochen auf die Bühne geschleift wird, – ein Stück Leben schien vielmehr in sie hineingezaubert, das mit einem wehen Laut erstarb. Selbst die Menuetttänzer und Tänzerinnen bewegten sich wie nichts vollkommen Irdisches.

Schon verdunkelte sich der Zuschauerraum am Ende der Pause, als der Bogenvorhang sich teilte, – ein breiter Lichtstreifen fiel herein. Der erste Ton der Barkarole klang gedämpft aus dem Orchester – ein Stuhl wurde zur Seite gerückt – „Alix!“ hörte ich Hellmuts

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Lily Braun: Memoiren einer Sozialistin. Albert Langen, München 1909, Seite 290. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:De_Memoiren_einer_Sozialistin_-_Lehrjahre_(Braun).djvu/292&oldid=- (Version vom 31.7.2018)