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aus den Betten und laufen mit lautem Geschrei, barfuß und im bloßen Hemd, in die Küche. –

„Die Katze hat Kinder!“ rufen sie. – „Die Katze hat Kinder!“

In der Küche steht unter der Bank die kleine Kiste, in der Stepan sonst die Kohlen für den Kamin aus dem Keller heraufträgt. Aus der Kiste guckt die Katze hervor. Ihr graues Frätzchen drückt die äußerste Ermüdung aus. Die grünen Augen mit den schmalen schwarzen Pupillen blicken resigniert und sentimental. Man sieht es ihr an, daß zur Vollständigkeit ihres Glückes bloß „Er“ fehlt, der Vater ihrer Kinder, dem sie so rückhaltlos ergeben ist! Sie versucht zu miauen, öffnet das Maul weit, aber aus der Kehle kommt nur ein heiserer Ton… Man hört das Quieken der Jungen.

Die Kinder hocken sich vor die Kiste und beobachten die Katze, ohne sich zu rühren, mit angehaltenem Atem. Sie sind erstaunt und überwältigt und hören nicht, wie die Wärterin, die ihnen nachgelaufen ist, brummt. In beider Augen glänzt die höchste, aufrichtigste Freude.

In der Erziehung und im Leben der Kinder spielen die Haustiere eine bescheidene, aber zweifellos wohltuende Rolle. Wer von uns hat nicht seine Erinnerungen an große und starke, doch edelmütige Hunde, an Bologneser, die ein Parasitendasein führten, an Singvögel, die in der Gefangenschaft starben, an stumpfsinnige, doch hochmütige Truthähne, an sanfte, greise Katzen, die es uns nicht übelnahmen, wenn wir ihnen spaßhalber auf die Schwänze traten und die grausamsten Schmerzen zufügten? Mir scheint es sogar zuweilen, daß Geduld, Treue, Verzeihung und Aufrichtigkeit, die unseren Haustieren eigen sind, auf den kindlichen Geist viel

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Anton Pawlowitsch Tschechow: Von Frauen und Kindern. Musarion, München 1920, Seite 124. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:De_Von_Frauen_und_Kindern_(Tschechow).djvu/124&oldid=- (Version vom 31.7.2018)