Seite:De Zwei Frauen (Hahn-Hahn) v 2.djvu/107

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Jedermann aufgehoben werden dürften, um dafür als maßgebende Richtschnur das individuelle Gewissen aufzustellen, das bei dem Einen sehr roh, bei dem Andern sehr zart _ und bei Allen ein höchst einseitiges Tribunal ist. Das hieße der Anarchie in der Gesellschaft Thür und Thor öfnen und die Willkür zur Gesetzgeberin machen, deren Geheimschreiber immer der Egoismus ist.“

Cornelie antwortete: „Liebe Aurora, wie die Gesellschaft, die unter dem allgemein gültigen und verständlichen Gesetz der Sitte besteht, mir vorkommt, kann ich Dir nur durch ein Bild anschaulich machen: wie ein Polyp, den man gleich einem Handschuh umkehren kann und den das in seiner Existenz wenig anficht ob er auf der rechten oder auf der linken Seite lebt. Er ist herz- und marklos, weshalb sollte er nicht so oder so leben können, da er geschmeidig und genügsam ist. Zu einem solchen Polypengallert werden die Menschen von der Gesellschaft zubereitet, und sie lassen sich rechts wenden und links wenden, wenn sie nur sehen, daß sie das Beispiel, die Zustimmung und das Einverständniß der Masse für sich haben. So machen es Alle, so benehmen sich Alle, so handeln, denken, urtheilen Alle – das ist ihr letzter Grund. Die Gemeinschaftlichkeit mag für äußere

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Ida von Hahn-Hahn: Zwei Frauen. Zweiter Band. Berlin 1845, Seite 106. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:De_Zwei_Frauen_(Hahn-Hahn)_v_2.djvu/107&oldid=3262071 (Version vom 31.7.2018)