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und uns bewohnte Gegenden zuzuwenden. Dieser Gedanke, so ernst er mich auch stimmte, drückte mich doch nicht nieder. Ich fühlte die Verantwortung, nicht nur für mich, sondern auch für meinen Vater zu sorgen. Und diese Verantwortung trieb mich zum Handeln.

Wütender Hunger quälte uns. Mein Vater jammerte wie ein kleiner Bube, der noch nicht seinen Morgenimbiß erhalten hat. Zum Glück hatte ich das Messer mitgenommen, mit dem meine Fesseln durchschnitten worden waren. Ich löste ein Stück Lenndenfleisch aus dem Kadaver eines der Kamele heraus, klopfte es weich und briet es über einem Feuer, das ich mit Hilfe des Luntenfeuerzeugs meines Vaters bald angezündet hatte.

Als wir uns gesättigt hatten, unternahm ich eine Streife durch die Schlucht. Mein armer Vater wollte indessen die toten Dromedare bewachen, die, wie er glaubte, nur schliefen.

So fand ich nach zweistündigem Umherirren dann zufällig hier im Südteil der Schlucht diese Grotte, die mir sofort als zukünftige Behausung recht geeignet schien. Hat sie doch den Vorteil, daß der Eingang nicht ganz leicht zu entdecken ist und daß der Rauch durch schmale Spalten im Gestein nach oben abzieht, besonders aber, daß es hier noch einen zweiten Ausgang gibt, der zwar nur kriechend zu passieren ist, dafür aber inmitten eines dichten Distelgestrüpps mündet, das für einen Uneingeweihten ganz undurchdringlich ist.

Mein seltsames, abenteuerliches und abenteuerreiches Leben begann an diesen Tage. – Das Wort: „Not macht erfinderisch“ und „Wo ein Wille, da ist auch ein Weg“ traf bei mir so recht zu. An meinem Vater hatte ich keinerlei Hilfe. Er war ganz zum harmlosen Kinde geworden, lebte in einer unwirklichen Welt, die er mit den Gestalten seiner[1] kranken Phantasie bevölkerte. Von ihm hatte ich keinerlei ernstliche Hilfe oder Unterstützung zu erwarten. Bat ich ihn, dies und jenes zu tun, zum Beispiel dürre Gräser zu sammeln, so arbeitete er, bis die Sache ihm langweilig wurde. Und das geschah stets sehr bald. So lag denn die ganze Sorge für unser beider Wohl und Wehe allein auf meinen Schultern.


  1. Vorlage: seine
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W. Belka: Der Gespensterlöwe. Verlag moderner Lektüre G.m.b.H., Berlin 1916, Seite 18. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Der_Gespensterl%C3%B6we.pdf/19&oldid=- (Version vom 31.7.2018)