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wenig kriegerischen Stammes. Trotzdem leuchtete ihnen die Gier nach den Silbermünzen aus den Augen. – So wurde ich gewarnt, mehr auf der Hut zu sein. Von da ab traf ich Vorkehrungen, um mich vor Überraschungen zu sichern. Ich wurde überaus vorsichtig und mißtrauisch, richtete mein Leben so ein, als sei ich rings von Feinden umgeben.

Wieder verstrich ein Monat ohne störenden Zwischenfall. Dann beobachtete ich eines Abends eine Karawane, die von Nordwest her auf die Schlucht zukam. Es war ein Teil eines Beduinenstammes samt seinen Herden, der sich für volle fünf Tage in der Schlucht häuslich niederließ, Zelte aufschlug und so die Weidetiere die durch lange Regengüsse hervorgelockten Grasflächen ausnutzen ließ. Während dieser fünf Tage, wo wir uns aus der Grotte nicht hinauswagen durften und bald von Hunger und Durst gepeinigt wurden, erkrankte mein Vater und starb bereits nach wenigen Stunden. Ich glaube, daß es eine Lungenentzündung war, die seinem Leben ein Ende machte. Kurz vor seinem Hinscheiden klärte sich merkwürdigerweise sein Geist vollkommen. Die Erinnerung an jene Schreckensszene, als er in wildem Schmerz sich über die Leiche meiner Mutter geworfen hatte, kam ihm zurück. Seine letzten Gedanken gehörten der geliebten Toten, und mit einem Segenswunsch für mich hauchte er den allerletzten Seufzer aus.

Am Morgen nach dieser Nacht, da er starb, fand ich den Platz des Beduinenlagers leer. Die braunen Söhne der Wüste waren weitergezogen. Ich begrub den Vater drüben in jenem dichten Gestrüpp. Den Steinhügel schmückte ich mit einem weißen Kreuz aus gebleichten Knochen.

Etwa eine Woche später dann erlebte ich gegen Abend das Schauspiel einer richtigen Treibjagd, die vier Löwen auf ein Antilopenrudel abhielten. Dies Erlebnis gehört zu den merkwürdigsten aus meiner Robinsonzeit, denn – einmal hatte ich noch nie den König der Tiere als schlauberechnenden vierbeinigen Jäger beobachten können, dann aber brachte mich dieser Abend auch in Besitz jener

Empfohlene Zitierweise:
W. Belka: Der Gespensterlöwe. Verlag moderner Lektüre G.m.b.H., Berlin 1916, Seite 22. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Der_Gespensterl%C3%B6we.pdf/23&oldid=- (Version vom 31.7.2018)