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über einen Meter dicker Baum, dessen tief herabhängende Zweige an den Enden zahlreiche oleanderähnliche Blüten tragen. Der Adenium ist ein echtes Tropengewächs, siedelt sich auf den Sonnenseiten der Bergabhänge in Mengen an und bedeckt die Felswände mit einem förmlichen Rosenflor, – ein wunderhübscher Anblick! Und doch …! Derselbe Baum liefert in seinem Blättermilchsaft ein böses Herzgift, und die Eingeborenen der wasserreicheren Gegenden Arabiens verstehen es, mit Hilfe dieses Saftes Fische in Unmassen zu betäuben, die sie aber nicht etwa als Nahrung, sondern – als Düngemittel für ihre Felder benutzen. – – Doch zurückt zu Master Schlook. In jenem zweiten Tale überraschte ich ihn eines Tages im Gespräch mit zwei anderen Engländern, die mir von Ansehen bereits von Maskat her bekannt und gerade unsere gefährlichsten Widersacher waren. Die drei bemerkten mich nicht. Wie eine Schlange kroch ich immer näher auf sie zu. Ich hatte inzwischen genug Englisch gelernt, um ihre Unterhaltung belauschen zu können. Auf diese Weise stellte ich fest, daß Schlook nicht Missionar, sondern Vertreter einer Konkurrenzfirma war und die Absicht hatte, die umwohnenden Eingeborenen gegen uns Deutsche aufzuhetzen.

Leider schenkte mir der verblendete Herr Faber auch jetzt keinen Glauben, sondern meinte, ich hätte mich sicher verhört, und anderes mehr. Mein Vater war über diese Kurzsichtigkeit seines Vorgesetzten so aufgebracht, daß es zwischen den beiden Männern zu einer erregten Aussprache kam, die leider eine heimliche Zeugin – Frau Faber – hatte. Und diese Dame, von dem Engländer völlig betört, hatte dann nichts Eiligeres zu tun als Master Schlook unter dem Siegel tiefster Verschwiegenheit zu berichten, was ich gegen ihn ausgesagt hatte.

Die Folgen dieser Unvorsichtigkeit zeigten sich erst einen Monat später. Der Engländer war jetzt vorsichtiger, gab sich keinerlei Blößen mehr und benahm sich gerade mir gegenüber überaus liebenswürdig, unterrichtete mich in verschiedenen Fächern und erreichte so, daß selbst meine Eltern schon in ihrer Ansicht über ihn schwankend wurden.

Empfohlene Zitierweise:
W. Belka: Der Gespensterlöwe. Verlag moderner Lektüre G.m.b.H., Berlin 1916, Seite 8. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Der_Gespensterl%C3%B6we.pdf/9&oldid=- (Version vom 31.7.2018)