Seite:Deutsche Sagen (Grimm) V2 149.jpg

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darüber vernachlässigte. Sein ganzer Hof war verlegen und mißmüthig über diese Leidenschaft, die gar nicht nachließ; endlich verfiel die geliebte Frau in eine Krankheit und starb. Vergeblich hoffte man aber, daß der Kaiser nunmehr seine Liebe aufgeben würde: sondern er saß bei dem Leichnam, küßte und umarmte ihn, und redete zu ihm, als ob er noch lebendig wäre. Die Todte hub an zu riechen und in Fäulniß über zu gehen; nichts desto weniger ließ der Kaiser nicht von ihr ab. Da ahnte Turpin der Erzbischof, es müsse darunter eine Zauberei walten; daher, als Carl eines Tages das Zimmer verlassen hatte, befühlte er den Leib der todten Frau allerseits, ob er nichts entdecken könnte; endlich fand er im Munde unter der Zunge einen Ring, den nahm er weg. Als nun der Kaiser in das Zimmer wiederkehrte, that er erstaunt, wie ein Aufwachender aus tiefem Schlafe, und fragte „wer hat diesen stinkenden Leichnam herein getragen?“ und befahl zur Stunde, daß man ihn bestatten solle. Dies geschah, allein nunmehr wandte sich die Zuneigung des Kaisers auf den Erzbischof, dem er allenthalben folgte, wohin er ging. Als der weise, fromme Mann dieses merkte und die Kraft des Ringes erkannte, fürchtete er, daß er ein Mal in unrechte Hände fiele, nahm und warf ihn in einen See, nah bei der Stadt. Seit der Zeit, sagt man, gewann der Kaiser den Ort so lieb: daß er nicht mehr aus der Stadt Aachen weichen wollte, ein kaiserliches Schloß und einen Münster da bauen ließ, „und in jenem seine übrige Lebenszeit

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Brüder Grimm: Deutsche Sagen, Band 2. Nicolai, Berlin 1818, Seite 129. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Deutsche_Sagen_(Grimm)_V2_149.jpg&oldid=- (Version vom 31.7.2018)