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er, hätten die Germanen ihren Befreier, den Cherusker, zugrunde gerichtet. Neid ist eine Hauptwurzel unserer sozialdemokratischen Bewegung. Die wirtschaftlichen Gegensätze sind in der modernen Zeit auch in anderen Ländern ebenso verschärft worden wie bei uns. Die leidenschaftliche Erbitterung, die dadurch in Deutschland erzeugt worden ist, wird man anderswo vergeblich suchen, trotzdem bei uns auf sozialpolitischem Gebiet so viel geleistet worden ist, obwohl Deutschland allen anderen Ländern mit seiner sozialen Fürsorge vorangegangen und von keinem anderen bisher erreicht worden ist. Der in der Entstehungszeit der Sozialdemokratie begründete Kampf der lohnarbeitenden Klassen um bessere Existenzbedingungen ist in Deutschland zu einem bisweilen fanatischen Haß gegen Besitz und Bildung, Geburt und Stellung geworden. An diesem Neid haben auch die segensreichen Einrichtungen zur Hebung des Lebensstatus der Arbeiter nicht viel ändern können. Dieser Neid, am Anblick des Unterschiedes von reich und arm täglich neu entzündet, würde nicht verschwinden, wenn dieser oder jener Führer sich auf der Ministerbank niederließe. Diesem Neid ist unsere sozialdemokratische Bewegung Sammelbecken geworden. Gerade das letzte Ziel der Sozialdemokratie, die Vernichtung der Besitzunterschiede durch Aufhebung des Privateigentums und Verstaatlichung der Produktionsmittel, wird von der deutschen Sozialdemokratie mit besonderer Liebe und zähem Eigenwillen festgehalten. Auch propter invidiam wird die Sozialdemokratie sich nicht für eine Politik der Aussöhnung gewinnen lassen. Und endlich findet der leidige deutsche Kastengeist, der einem unbefangenen gesellschaftlichen Miteinanderleben im Wege steht, der unser ganzes politisches Leben ungünstig beeinflußt, seinen letzten und schärfsten Ausdruck im sozialdemokratischen Klassenbewußtsein. Die alten Stände waren geschichtlich entstanden, von den öffentlich-rechtlichen Zuständen abgegrenzt worden. Das klassenbewußte sozialdemokratische Proletariat hat sich selbst gebildet und gegen das übrige Bürgertum eine Grenzwand aufgerichtet. Es will nichts gemein haben mit den anderen Ständen. Und, wie es jeder Kaste eigen ist, hält sich das sozialdemokratische Proletariat nicht nur für besser, brauchbarer, berechtigter als die anderen Volksklassen, sondern es erstrebt auch eine Vorherrschaft über alle anderen Stände. Wenn bei uns der Versuch gemacht würde, die sozialdemokratische Klassenpartei den bürgerlichen Parteien einzurangieren, so ist es noch sehr die Frage, ob sich unsere Sozialdemokratie auf eine solche Einrangierung einlassen würde. Sie fühlt sich zur Alleinherrschaft im Staat berufen und wird sich kaum an einer legalen Mitherrschaft genügen lassen.

Der preußische Staat und die Sozialdemokratie.

Im Deutschen Reich ist Preußen der führende Staat. Die Sozialdemokratie ist die Antithesis des preußischen Staates. Ein bekannter Ausspruch Hegels besagt, daß jeder Begriff seinen Gegenbegriff in sich schließt. Es liegt ein tiefer Sinn darin, daß der Philosoph, der den Staat den präsenten Gott genannt hat, dessen Rechtsphilosophie eine Verherrlichung des preußischen Staates war, der sich der besonderen Protektion höchster preußischer Staatsautoritäten erfreute, den Schlußfolgerungen von Marx die logischen Voraussetzungen geschaffen hat.

Die Eigenart des preußischen Staates, mit deren Verlust unserem staatlichen Leben

Empfohlene Zitierweise:
Diverse: Deutschland unter Kaiser Wilhelm II. – Band 1. Verlag von Reimar Hobbing, Berlin 1914, Seite 91. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Deutschland_unter_Kaiser_Wilhelm_II_Band_1.pdf/107&oldid=- (Version vom 31.7.2018)